Essensfälschung, Massentierhaltung, Dioxinskandal – moderne Lebensmittelproduktion ist entsetzlich. Zum Glück gibt es die gastronomische Parallelwelt der Fernsehköche – als Gegengewicht zur unappetitlichen Realität. Deren Kochshows machen uns nicht zu Besseressern, beruhigen aber unsere nervösen Mägen.
Mit dem Huhn hat Jamie Oliver Aufsehenerregendes vor. Er schmort es in Milch, ein “echt cooles italienisches Gericht”. Das Resultat sieht gut aus. Aber schmeckt es auch? Keine Ahnung. Mehrfach habe ich mir auf DVD angeschaut, wie der Brite den Broiler in der Milch versenkt. Ich besitze das Buch zur Sendung, und eine Jamie-Oliver-Pfanne habe ich auch. Nur gekocht, gekocht habe ich das Milchhuhn noch nie. Es ist schon seltsam: In der übersättigten Postmoderne muss zwar keiner mehr kochen – aber alle möchten andauernd zugucken, wie irgendwo irgendwas gebrutzelt wird. Es gibt derart viele Kochshows, dass man theoretisch den ganzen Tag Küchenpersonal beim Arbeiten zusehen könte.
Nicht selber machen, zuschauen. Man kann das als kulinarischen Voyeurismus geißeln, wie der US-Starkoch Anthony Bourdain. Kochshows hält er für Pornografie: “Man guckt zu, wie Leute im Fernsehen Dinge machen, die man selbst zu Hause nie tun würde.”
Alles nur Ersatzbefriedigung? Gucken wir uns die Olivers und Schuhbecks deshalb so gerne an? Wahrscheinlicher ist: Wir schauen so konzentriert hin, damit wir woanders wegschauen können. Wir wollen uns selbst von etwas Unerfreulichem ablenken.
Dieses Etwas ist unsere Nahrungsmittelindustrie. Sie ist zu einem Monster geworden, verachtenswert und unmoralisch. Der gastronomisch-industrielle Komplex foltert und quält millionenfach Hühner und Schweine, damit wir billiges, abgepacktes Fleisch kaufen können. Er rodet indonesische Regenwälder, weil er für seine Schokoriegel neue Palmölplantagen braucht. Möderisch und zerstörerisch, das ist unsere Lebensmittelproduktion.
Gleichzeitig sind Foodkonzerne die kunstvollsten Fälscher unserer Zeit. Das mit Käse gratinierte Buttercroissant von der Bäckerkette enthält weder Käse noch Butter, sondern Rindertalg und Bakterieneiweiß. Und jeder Lebensmittelchemiker weiß, dass der wichtigste Grundstoff für Erdbeerjoghurt nicht Erdbeeren sind. Sondern jene Holzspäne, aus denen das Aroma gewonnen wird.
Es gibt wohl, vielleicht mit Ausnahme der Banken, keine andere Branche, die ihre Kunden im Namen des größtmöglichen Profits dermaßen schamlos betrügt und belügt. Das alles wissen wir, wissen es seit Jahren. Doch wir kauen stoisch weiter. Der Mensch muss ja essen.
Dabei ist uns in unserem Inneren bewusst, dass wir das Monster erst großgemacht haben, mit unserem unstillbaren Hunger nach Tiefkühl-Quattro-Stagione und abgepacktem Leberkäs, das Pfund zu 1,99. Unsere Starköche wissen das auch. Aber sie wollen uns helfen. Nicht, indem sie uns wirklich zu Besseressern erziehen. Sondern indem sie uns mit immer ausgefalleneren kulinarischen Darbietungen erfreuen.
Ihre Kunststückchen haben zwar weder etwas mit der Realität der Verbraucher noch mit jener echter Profiköche zu tun. Aber sie beruhigen unsere nervösen Mägen.
TV-Köche sind unsere gastronomischen Therapeuten. Zur degoutanten Wirklichkeit liefern sie eine delikate Parallelwelt. Vor 65 Jahren, nach dem Krieg, da war die Realität so trist, dass die Menschen im Kino am liebsten Heile-Welt-Schmonzetten mit Heinz Rühmann anschauten. Heute ist unsere Essenswirklichkeit so entsetzlich, dass wir als Ausgleich Jamie Olivers Milchhühnchen brauchen.
Zumindest für eine halbe Stunde, bevor wir uns das nächste Tiefkühl-Backhendl reinziehen.
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Dieser Text erschien zuerst in der Wochenendausgabe der österreichischen Zeitung “Der Standard”.


Klingt sehr plausibel, Ablenkung + Betäubung.
Das Milchhuhn ist übrigens sehr lecker ;)