Neunzig Jahre Necronomicon: Das Buch, das niemals war

17. März 2014 7 Kommentare

Das "Necronomicon Ex-Mortis" aus dem Remake des Films "Evil Dead".

 „That is not dead which can eternal lie,

And with strange aeons even death may die.“

– Abdul Alhazred: „Necronomicon“

Es gibt drei Arten von sagenumwobenen und mysteriösen Büchern. Zunächst solche, die es nicht mehr gibt. Meist sind sie vor sehr langer Zeit erschienen. Die letzten Kopien sind bereits vor Jahrhunderten verschollen, wie etwa Platons „Über das Gute“. Dann gibt es Bücher, die zwar noch existieren, die aber niemand entziffern kann. Dazu zählt beispielsweise das Voynich-Manuskript. Es wurde in einer niemand bekannten Sprache verfasst.

Beide Buchtypen gibt es öfter, als man denkt. Wirklich selten hingegen sind Bücher, die es überhaupt nicht gibt. Bücher, von denen fast jeder schon einmal gehört hat und aus denen viele Menschen sogar zitieren können, obwohl das fragliche Werk niemals existiert hat. Bücher also, welche die Fantasie derart beflügelt haben, dass eine beachtliche Zahl von Menschen fest an ihre Existenz glaubt, allen Fakten zum Trotz.

Dieses Essay handelt vom berühmtesten Buch dieser Art: dem „Necronomicon“. Wie jeder Fan schauriger Literatur weiß, handelt es sich dabei um einen ebenso staubigen wie dicken Folianten voller dunkler Magie, weswegen man auch vom „Schwarzen Buch“ spricht. Verfasst wurde das wohl an die tausend Seiten umfassende Grimoire angeblich von einem verrückten Araber namens Abdul Alhazred. In Damaskus legte er vor über 1300 Jahren die düstersten okkulten Geheimnisse nieder, Geheimnisse, die so abscheulich sind, dass die meisten Leser des „Necronomicon“ über die Lektüre den Verstand verlieren. Der Originaltitel des Buches lautet übrigens „Al Azif“. Dies ist das arabische Wort für das nächtliche Zirpen von Insekten, das im Volksglauben in Wahrheit das Heulen von Wüstendämonen ist.

Howard Phillipp Lovecraft (1890-1937)

Howard Phillipp Lovecraft (1890-1937)

Diese Entstehungsgeschichte ist, ebenso wie das „Necronomicon“ selbst, eine Erfindung des amerikanischen Schriftstellers Howard Phillips Lovecraft. Der eigenbrötlerische Gentleman aus Neuengland erschuf in den Zwanziger und Dreißigern des letzten Jahrhunderts einen der populärsten Weltentwürfe der Horrorliteratur, eine wahre Kosmogonie des Schreckens. Lange als obskurer Schundschreiber geschmäht, gilt er inzwischen als vielleicht wichtigster Horrorautor des 20. Jahrhunderts und steht auf einer Stufe mit Edgar Allan Poe. Stephen King bezeichnet ihn als den „düsteren und barocken Prinzen“ des Genres.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil zu H. P. Lovecrafts Lebzeiten wenig darauf hindeutete, dass ihn sein Werk überdauern würde. Er wurde 1890 in Providence (Rhode Island) geboren und war ein blasses, kränkliches Kind, das unter der Obhut einer gluckenhaften Mutter zu einem blassen kränklichen Jungen heranwuchs. Seinen Vater kannte er kaum; dieser war in eine Nervenheilanstalt eingewiesen worden, als Howard drei Jahre alt war und verstarb dort wenig später.

Freunde hatte der Bub keine, außer den staubigen Büchern seines Großvaters. Er schrieb früh Gedichte und gärtnerte. Obwohl Lovecraft hochintelligent war, beendete er nicht einmal die Highschool: Aus gesundheitlichen Gründen wurde er frühzeitig entlassen. Danach lebte der arbeits- und mittellose junge Mann weiter bei seiner Mutter und ging jahrelang kaum vor die Tür. Selbst seinen Biographen bereitet es Schwierigkeiten, zu erklären, was Lovecraft während dieser Periode (etwa von 1910 bis 1915) eigentlich tat. Freunden berichtete er später, er habe damals viel geträumt. Und eine der „Traumfiguren“, die Lovecrafts entrückte Welt bevölkerten, war ein Mann namens Abdul Alhazred.

Es dauerte noch ein wenig, bis Lovecraft den verrückten Araber und sein verfemtes Buch in eine Geschichte einbaute – denn obwohl er reichlich Zeit hatte, schrieb er während seiner Einsiedlerphase fast nichts. Stattdessen scheint er vor allem gelesen und gebrütet zu haben, während es in ihm kochte.

Denn H. P. Lovecraft war ein Mann voller Hass. Er hasste das Leben, er hasste Essen (außer Eiskrem), er hasste die Modernität. Er kleidete sich in alten Gehröcken und gerierte sich wie ein aristokratischer Gentleman aus einer frühen Poe-Erzählung, affektierter Akzent inklusive. Lovecraft hasste die ganze Welt, doch am meisten von allen Dingen hasste er die Menschen: „Mein Hass auf die Menschentiere wächst sprunghaft, je mehr ich von dem Ungeziefer sehe.“

Der wunderliche Mann aus Providence war zudem ein Rassist, er hielt Schwarze für minderwertig und sympathisierte zwischenzeitlich mit Hitler – was nicht heißt, dass seine Begeisterung für den „arischen“ Teil der Menschheit viel größer gewesen wäre: „Ich bin der Menschheit und der Welt so bestialisch müde, dass nichts mein Interesse wecken kann, außer es beinhaltet mehrere Morde pro Seite oder befasst sich mit unaussprechlichen und unbegreiflichen Schrecken, die aus dem äußeren Universum auf uns hinabgaffen.“

Eben diese unbegreiflichen Schrecken wurden zum literarischem Sujet des Sonderlings aus Providence. Der Kern seines Werkes sind etwa zwei Dutzend Kurzgeschichten und Novellen, in denen es um die Großen Alten geht, Wesen, die einst über die Erde geherrscht haben und die so fremdartig, so schrecklich und so unwägbar sind, dass schon ihr bloßer Anblick Menschen in den Wahnsinn treiben kann. Auch ihre Namen sind nicht von dieser Welt: Shub-Niggurath, die Ziege mit den Tausend Jungen; Azathoth, der blinde Idiotengott; und der Große Cthulhu, der in R’lyeh, der Stadt unter dem Meer, schläft und träumt, bis eines Tages die Sterne die richtige Konstellation aufweisen. „Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn“, heißt das in der fiktiven Sprache der Großen Alten, die der Neuengländer immer wieder in seine Erzählungen einflocht.

In Lovecrafts Universum gibt es für die Menschheit wenig Hoffnung, eigentlich gar keine. Denn hinter der Fassade der Normalität lauern kosmische Schrecken wie die Großen Alten und ihre Anhänger, und es gilt als sicher, dass sie eines Tages die Erde wieder in Besitz nehmen werden. Das wird im „Necronomicon“ immer wieder angedeutet:

„Nun herrscht der Mensch, wo Sie einst herrschten; bald werden Sie dort herrschen, wo der Mensch nun herrscht. Nachdem Sommer zu Winter wird und Winter zu Sommer. Sie warten, geduldig und mächtig, denn hier sollen Sie wieder regieren.“

Menschen sind in Lovecrafts Welt lediglich ein Interludium. In den Augen eines Cthulhu sind sie kaum mehr als Ungeziefer, das er und die anderen Großen Alten nach ihrer Rückkehr achtlos zertreten werden. Es ist eine Kosmogonie, die zutiefst nihilistisch ist und einen zur Verzweiflung treiben kann.

Cover des Pulpmagazins "Weird Tales", in dem HPL publizierte.

Cover des Pulpmagazins „Weird Tales“, in dem HPL publizierte.

All das geheime Wissen um den Cthulhu-Mythos, um die schreckliche Vergangenheit und Zukunft der Erde, können die unglücklichen Protagonisten der Lovecraft’schen Erzählungen nachlesen – in staubigen Folianten und Inkunabeln. Nichts ist enger mit dem Mythos verknüpft als obskure Bücher voll verbotenen Wissens. Während das Gros der Menschheit ahnungslos seinem Ende entgegengeht, sind in diesen alten Schwarten Hinweise auf die wahre Verfassung der Welt zu finden. Zudem lässt sich ihnen entnehmen, wie man die Großen Alten und ihre Diener heraufbeschwört. Folglich sind die Grimoires brandgefährlich. Gerieten sie in die Hände irgendwelcher wahnsinnigen Kultisten, dann drohte das Ende der Welt.

Mitunter gewinnt man den Eindruck, die Bücher seien die wahren Helden der Lovecraft’schen Storys. Während die Menschen in seinen Geschichten nämlich entweder wahnsinnig werden oder in den Mägen glibberiger Monstern enden, begleiten uns die verbotenen Bücher durch sein gesamtes Werk. Es gibt eine Menge solcher Folianten, aber der Wichtigste ist ohne Zweifel das „Necronomicon“. Das erste Mal tauchte es in Lovecrafts Kurzgeschichte „The Hound“ auf, die 1924 in dem Magazin „Weird Tales“ erschien:

„The jade amulet now reposed in a niche in our museum, and sometimes we burned strangely scented candles before it. We read much in Alhazred’s Necronomicon about its properties, and about the relation of ghouls’ souls to the objects it symbolised; and were disturbed by what we read. Then terror came.“

Lovecraft zitiert in seinen Geschichten immer wieder aus dem „Necronomicon“ und anderen Zauberbüchern. Das bekannteste Zitat ist das diesem Text vorangestellte („Das ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass der Tod die Zeit besiegt.“) Aber auch andere Passagen gelten als Klassiker:

 „The Old Ones were, the Old Ones are, and the Old Ones shall be. Not in the spaces we know, but between them, they walk serene and primal, undimensioned and to us unseen. Yog-Sothoth knows the gate. Yog-Sothoth is the gate. Yog-Sothoth is the key and guardian of the gate. Past, present, future, all are one in Yog-Sothoth.“

„Iä! Shub-Niggurath! As a foulness shall ye know Them. Their hand is at your throats, yet ye see Them not; and Their habitation is even one with your guarded threshold.“

Das klingt ebenso unverständlich wie unheilvoll. Der Leser gewinnt den Eindruck, dass hier von einer obskuren Geheimlehre die Rede ist, die nur der Initiierte verstehen kann. Und genau das war natürlich Lovecrafts Intention, die Zitate aus den dicken alten Büchern verliehen seinen Geschichten etwas erschreckend Reales. Aber er ging noch weiter.

Es reichte ihm nicht, das „Necronomicon“ immer wieder zu erwähnen und daraus zu zitieren. 1927 verfasste er den pseudowissenschaftlichen Aufsatz „The History of the Necronomicon“. Der Text kommt wie ein Lexikoneintrag daher. In nüchternen knappen Sätzen wird darin erklärt, wann genau Alhazred das Buch verfasste und außerdem seine Biographie referiert. Der Autor habe „die Ruinen Babylons und die unterirdischen Geheimnisse von Memphis“ erkundet. Er sei lediglich ein „lauwarmer Moslem“ gewesen und habe stattdessen „Wesen verehrt, die er Yog-Sothoth und Cthulhu nannte“.  Der Text führt aus, das „Al Azif“ sei 950 n. Chr. von einem Philosophen namens Theodorus Philetas in Konstantinopel ins Griechische übersetzt worden. Im Jahr 1228 habe es der Däne Olaus Wormius ins Lateinische übertragen – woraufhin es Papst Gregorius IX. anno 1232 auf den Index der verbotenen Schriften gesetzt habe.

Das Ganze liest sich wie ein ernstzunehmender wissenschaftlicher Text, weil in ihm viele reale historische Personen auftauchen. Neben dem Papst und Olaus Wormius nennt Lovecraft beispielsweise John Dee, einen englischen Mystiker und Berater von Königin Elisabeth I. Dieser, so erklärt der Schriftsteller, habe im 17. Jahrhundert ebenfalls eine Übersetzung des „Necronomicon“ angefertigt. Und dann rattert er all jene Universitäten herunter, in denen das böse Buch angeblich aufbewahrt wird: die Bibliothèque Nationale in Paris, die Widener Library der Universität Harvard oder die der Hochschule von Buenos Aires.

Es ist eine überaus clevere Vermischung von Fakten und Fiktion – die seriös daherkommende Räuberpistole vom „Necronomicon“ ist das, was man heute als einen Hoax bezeichnen würde. Lovecraft gelingt es mit dieser Masche selbst 78 Jahre nach seinem Tod noch, Lesern den Eindruck zu vermitteln, an der Sache sei vielleicht doch mehr dran. Hatte dieser seltsame Autor aus Neuengland möglicherweise reale Vorbilder für seine furchtbaren Geschichten?

Was dem „Necronomicon“ bereits zu Lovecrafts Lebzeiten zu enormer Popularität verhielf, waren neben seiner besonderen Aura vor allem andere Autoren. Sie erweiterten die Pseudobibliographie des Neuengländers und verwendeten seine fiktiven Bücher in ihren eigenen Geschichten. Der literarische Zirkel, der sich um Lovecraft gebildet hatte, fand großen Gefallen daran, sich immer neue Zauberbücher auszudenken: Robert Bloch ersann Ludvig Prinns „De Vermis Mysteriis“, Clark Ashton Smith das „Liber Ivonis“ und August Derleth das, man beachte die Namensähnlichkeit, von einem gewissen Comte d’Erlette verfasste „Cultes des Goules“.

Und man zitierte einander: Fantasypionier Robert E. Howard, der Autor der „Conan“-Geschichten, ersann für seine Novelle „Children of the Night“ beispielsweise ein Buch mit dem (grammatikalisch falschen) deutschen Titel „Die Unaussprechlichen Kulten“ und schrieb, dessen Autor Friedrich Wilhelm von Junzt habe das „Necronomicon“ studiert. Im Gegenzug erwähnte Lovecraft die „Kulten“ wiederum in seinen Geschichten.

Warum die Autoren das taten? „Weil es Spaß macht, einen überzeugenden Kreis synthetischer Folklore aufzubauen, erwähnen alle aus unserer Gang häufig die Hausdämonen der anderen“, schreibt Lovecraft 1934 seinem Brieffreund William Frederick Anger.

Die Folge ist, dass viele Menschen annehmen, das „Necronomicon“ sei ein reales Buch. Man muss sich dabei vor Augen halten, dass Lovecraft in den frühen dreißiger Jahren ein literarischer Nobody war. Er hatte kein einziges Buch bei einem respektablen Verlag veröffentlicht, streng genommen nicht einmal bei einem unrespektablen. Der einzige, der seine düsteren Kurzgeschichten schätzte und druckte, war Edwin Baird, der Verleger des Pulpmagazins „Weird Tales“. Lovecrafts Leserschaft war somit recht überschaubar.

Trotzdem erhielt er viele Zuschriften von Lesern, die mehr über das schaurige „Necronomicon“ wissen wollten, wie er im Juli 1933 Robert Bloch schrieb: „Was das ‚Necronomicon‘ angeht – da ich es in diesem Monat dreifach erwähnt habe, erhalte ich eine ungewöhnlich hohe Zahl von Anfragen bezüglich der wahren Natur und der Verfügbarkeit der Werke von Alhazred, Eibon & von Junzt.“

Und dem Anthropologen Robert H. Barlow teilte er im August 1934 in einem Postskriptum mit: „Hatte schon wieder zwei Anfragen zur realen Existenz des Necronomicons!“

Man kann aus den überlieferten Schriftwechseln (Lovecraft schrieb bis zu seinem Tode an die 100.000 Briefe – er war eine frühe Variante eines Otaku, der nicht aus dem Haus geht und stattdessen nur per E-Mail und über Diskussionsforen mit der Außenwelt kommuniziert) herauslesen, dass er von diesen Anfragen auf der einen Seite geschmeichelt war, sie auf der anderen jedoch mit einem gewissen Unglauben zur Kenntnis nahm. In den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatten Esoterik und Okkultismus Konjunktur, man denke nur an den britischen Magier Aleister Crowley. Aber anders als viele der an Zauberei und Beschwörungsritualen interessierten Leser, die bei ihm vorstellig wurden, hatte Lovecraft selbst nicht allzu viel für Okkultismus übrig: „Was die ernsthaft geschriebenen Bücher zu dunklen okkulten und übernatürlichen Themen angeht“, schrieb er 1936 einem Freund, „in Wahrheit taugen sie nicht viel.“

Für Lovecraft war das Ganze eher ein großer Spaß. Deshalb versuchte er leichtgläubigen Fans, die ihm schrieben, die Sache mit dem real existierenden „Necronomicon“ stets auszureden. „In allen Fällen beichte ich offen, dass es sich um Fälschungen handelt“, schrieb er Bloch. Und in einem Brief an seinen Freund Robert E. Howard erklärte er 1930, woher der Name des verrückten arabischen Autors ursprünglich stammte:

„Im Alter von fünf Jahren las ich ‚1001 Nacht‘. Damals verkleidete ich mich mit einem Turban, malte mir mit einem verkohlten Korken einen Bart ins Gesicht und gab mir den Namen Abdul Alhazred – jenen Namen, den ich später wiederbelebte, in Erinnerung an alte Zeiten, und für den hypothetischen Autor des Necronomicons verwendete.“

Als Lovecraft 1937 an Darmkrebs starb, hinterließ er lediglich eine Handvoll Geschichten, davon vielleicht zwanzig, die dem Cthulhu-Mythos zugerechnet werden können. Eigentlich hätte mit seinem Hinschied auch die Sache mit dem „Necronomicon“ ein Ende finden müssen. Aber das Gegenteil passierte.

Seine literarischen Freunde, die später als „Lovecraftzirkel“ bezeichnet werden sollten, waren vom Mythos derart fasziniert, dass viele von ihnen einen nicht unerheblichen Teil ihrer weiteren schriftstellerischen Karriere darauf verwendeten, Lovecraft fortzuschreiben. Ob Frank Belknap Long, Clark Ashton Smith oder August Derleth — sie alle emulierten ihr Vorbild, teilweise bis hin zur von altertümlichen Adjektiven durchsetzten Sprache und den bewusst vage gehaltenen Beschreibungen. Sogar Jorge Luis Borges verfasste Lovecraft zu Ehren eine Kurzgeschichte, die dessen Stil kopierte.

Der französische Autor Michel Houellebecq, der eine umfassende literarische Analyse über Lovecrafts Werk veröffentlicht hat („Gegen die Welt. Gegen das Leben“), weist darauf hin, wie ungewöhnlich dieser Vorgang ist: „Niemand ist je auf die Idee gekommen, Proust fortzuschreiben — Lovecraft schon.“ Der Amerikaner habe eine Gründungsmythologie geschaffen, so etwas sei seit dem griechischen Poeten Homer nicht mehr passiert, meint Houellebecq.

Das klingt überspitzt. Andererseits ist es in der Tat erstaunlich zu sehen, wie sehr sich der Cthulhu-Mythos und mit ihm das „Necronomicon“ verselbständigt und ausgebreitet haben. Inzwischen gibt es Hunderte von Cthulhu-Geschichten. Und unter Horrorautoren gehört es schon fast zum guten Stil, an irgendeiner Stelle zumindest einmal das „Necronomicon“ einzubauen.

Der Necronomicon-Zyklus des Künstlers Heinz Rüdi Giger.

Der Necronomicon-Zyklus des Künstlers Heinz Rüdi Giger.

Folglich ist das Buch überall: Als fliegendes Monsterbuch namens „Necronomicon Ex-Mortis“ spielt es die Hauptrolle im Horrorklassiker „Tanz der Teufel“, all seinen Fortsetzungen sowie zahllosen B-Movies. Von der Heavy-Metal-Band „Iron Maiden“ gibt es ein Plattencover, das einen Grabstein zeigt, auf dem, was sonst, ein Zitat aus dem „Necronomicon“ eingemeißelt ist. Überhaupt, Metalbands: Die Zahl der Krachkapellen, die auf Lovecraft und das „Necronomicon“ rekurriert, ist beinahe ohne Zahl (hier die beindruckende Liste). In der Zeichentrickserie „The Real Ghostbusters“ hatte das Buch ebenfalls schon einen Cameo-Auftritt, und der Schweizer Künstler H. R. Giger schuf einen ganzen Bilderzyklus namens „Necronomicon“, der als Vorbild für die Monster in Ridley Scotts „Alien“ fungierte.

Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass Lovecrafts nicht existentes Grimoire inzwischen wirkungsmächtiger ist als alle realen okkulten oder esoterischen Bücher, von Crowleys „Magick“ bis LaVeys „Satanic Bible“.

Aber warum? Der mesmerisierende Stil Lovecrafts kann die enorme Verbreitung seines Werks nur teilweise erklären. Auch der Umstand, dass seine materialistisch-nihilistische Weltsicht gut in unsere Zeit passt, ist wohl nur ein Teil des Ganzen. Besonders wichtig für den globalen Siegeszug von Cthulhu und dem „Necronomicon“ dürfte gewesen sein, dass Lovecraft — ohne es zu ahnen — die erste Open-Source-Fantasywelt der Geschichte schuf.

Oder anders gesagt:  Fiele heutzutage jemandem etwas Vergleichbares ein, ließe er sich den Namen und die damit verbundene Idee sofort schützen. Lovecraft hatte vermutlich nicht einmal einen Anwalt – und außerdem eh nichts dagegen, dass andere seine Ideen weitersponnen. Nach seinem Tod war lange umstritten, wer die Rechte an den Geschichten des Horrorautors hielt. Folglich konnte jeder eine Mythosgeschichte schreiben oder aus dem „Necronomicon“ zitieren, ohne befürchten zu müssen, dass ihm eine einstweilige Verfügung ins Haus flatterte. Dadurch konnte Lovecrafts monströse Schöpfung ihre schleimigen Tentakel immer weiter ausstrecken, bis in die hintersten Ecken der Popkultur.

Der Mythos und seine irrealen Bücher sind inzwischen so erfolgreich, dass sie sogar Einfluss auf die reale Welt nahmen. Als Lovecraft in den Sechzigern und Siebzigern im Zuge der großen Fantasy- und Scifiwelle wiederentdeckt wurde, stieg auch die Zahl jener, die sich auf die Suche nach dem sagenumwobenen „Necronomicon“ begaben. Genervte Bibliothekare mussten zahllosen Hobbyesoterikern versichern, dass man das wirklich Buch nicht ausleihen könne. Scherzkekse sollen es einst geschafft haben, eine Signaturkarte für das „Necronomicon“ in den Hauptindex der Universität Yale zu schmuggeln, woraufhin sofort Dutzende Menschen das Buch einsehen wollten.

Jeder, der einmal mit Esoterikern zu tun gehabt hat, weiß, dass diese klassischen Argumentationsmustern mitunter schwer zugänglich sind. Jede Beteuerung eines Bibliothekars, das Buch existiere nicht und könne folglich auch nicht ausgeliehen werden, galt in okkulten Kreisen natürlich als Bestätigung dessen, was man schon immer geahnt hatte: Das Schwarze Buch existierte sehr wohl, war aber derart gefährlich, dass es weggeschlossen und totgeschwiegen wurde.

Das Simon-Necronomicon.

Das Simon-Necronomicon.

Viele Menschen wollten also ein Buch lesen, das es nie gegeben hatte. Einer derart hohen Nachfrage konnte die Realität natürlich nicht dauerhaft standhalten. Und so behauptete der bis dahin weitgehend unbekannte US-Verlag Schlangekraft Inc. im Jahr 1977, er habe unter höchst mysteriösen Umständen von einem Mann namens Simon ein Manuskript erhalten, beim dem es sich um das „Necronomicon“ handele. Kurz darauf lag das Schwarze Buch überall im gut sortierten Buchhandel aus. Mehrere 100.000 Kopien des – übrigens ziemlich unlesbaren und aus sumerischen Fragmenten zusammengestoppelten – Machwerks sollen seitdem verkauft worden sein.

Der Erfolg des so genannten „Simon-Necronomicon“ rief weitere Plagiateure auf den Plan – wobei der Begriff streng genommen nicht korrekt ist, da man schließlich nur etwas plagiieren kann, das es tatsächlich gibt. In den Jahren darauf tauchten weitere „Necronomicon“-Varianten auf. Heute listet Amazon ein halbes Dutzend.

Eine Google-Suche nach dem „Necronomicon“ ergibt 764.000 Treffer – nicht schlecht für ein nicht existentes Buch. In Forenthreads, die länger sind als die Barttentakel des Großen Cthulhu, reden sich Hobbyokkultisten die Köpfe darüber heiß, welche Argumente dafür und welche dagegen sprechen, dass es das Alhazred-Grimoire vielleicht irgendwie doch gibt.

Kürzlich ist, pünktlich zum neunzigjährigen Jubiläum, ein Traktat erschienen, das möglicherweise auch Lovecraft gefallen hätte: „The Secret History of the Necronomicon“ ist das Ergebnis einer mehrjährigen Recherche des amerikanischen Autors Arkay Tilghman. Der nach eigenen Angaben ausgebildete Archäologe schreibt, er habe gewisse apokryphe arabische und ägyptische Quellen studiert und dabei herausgefunden, dass es Abdul Alhazred wirklich gegeben habe und das „Necronomicon“ natürlich auch.

Ganz nebenbei klärt Tilghman auch noch den bis heute rätselhaften Tod Ludwigs II. auf, des Königs von Bayern. Die Bibliothek im Nymphenburger Schloss habe eine deutschsprachige Ausgabe des „Necronomicon“ verwahrt, das „Buch der Toten Namen“. Über dessen Lektüre sei der Kini wahnsinnig geworden. Und dass die Schlossbibliothek kurz nach seinem Tod abbrannte – sicher kein Zufall.

Auf 50 Seiten „belegt“ Tilghman seine Thesen vermittels einer Mischung aus ausgedachten und realen Quellen, er wirft mit arabischen und babylonischen Zitaten um sich, als ob es kein Morgen gäbe. Lovecraft hätte diese Masche bestimmt gut gefallen, sicherlich besser als all die halbgaren Möchtegern-„Necronomicons“, die inzwischen durch die Gegend flattern.

Der Schriftsteller hatte zu Lebzeiten wegen des regen Interesses an seinem nicht existenten Buch selbst darüber nachgedacht, das „Necronomicon“ Realität werden zulassen, entschied sich aber dagegen.

Denn Howard Phillips Lovecraft wusste besser als jeder andere, dass es gerade das Unfassbare, Unbegreifliche und Unwägbare ist, das uns Angst einjagt:

„Man kann niemals etwas produzieren, das auch nur den zehnten Teil jenes Schreckens und Eindrucks besitzt, den eine beängstigende Andeutung zu erzeugen vermag. Versuchte irgendjemand, das Necronomicon zu schreiben, es wäre eine Enttäuschung für all jene, die es bei den kryptischen Erwähnungen (des Buchs) geschaudert hat.“

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Dieser Text basiert auf dem Kapitel „H. P. Lovecraft: Ansteckender Horror“ aus dem demnächst erscheinenden Buch „Drachenväter. Die Geschichte des Rollenspiels und die Geburt der virtuellen Welt“ von Konrad Lischka und und Tom Hillenbrand (360 Seiten, vierfarbig, erschienen bei Monsenstein & Vannerdat).

Es ist im gut sortierten Buchhandel, in Spieleläden sowie in allen Onlineshops erhältlich.



7 Kommentare

  • Curima sagt:

    Coole Geschichte und schöner Artikel. Ich kenn mich mit Cthulu so gar nicht aus und hatte den Buchtitel nur so vage im Kopf. Danke für die ausführliche Aufbereitung – über die Formulierung „länger als die Barttentakel des Großen Cthulu“ musste ich auch herzlich lachen.



  • Lieber Herr Hillenbrand,

    ein guter Essay über HPL und das Necronomicon. Aber ich muss doch in einigen Punkten widersprechen. HPL hasste nicht das Leben und auch nicht das Essen. So aß er z.B. sehr gerne Sonia Greenes (seine Frau) Käse-Soufflé oder weißes Hühnchenfleisch, auch Bohnen mochte er. Was Menschen angeht, so war er in seinen Freundeskreisen äußerst beliebt und pflegte sehr gerne Umgang mit ihnen.

    Er „hasste“ Menschen nur in Form von „Ausländern“ während seiner New Yorker Jahre, als er einsehen musste, dass er beruflich nichts auf die Reihe brachte, während die „Ausländer“ sehr wohl wussten, wie sie für ihren Lebensunterhalt aufkommen konnten.

    Ferner hat Lovecraft seine Jünger nie daran gehindert, den von August Derleth bezeichneten „Cthulhu-Mythos“ fortzuschreiben. Warum hätte er das auch tun sollen? Es war ja eigentlich nur Werbung für ihn. So übernahm HPL auch von anderen Autoren Gottheiten in seine Texte, z.B. von Ambrose Bierce.

    Anbei ein Link zu meinem eigenen Essay über Lovecraft.

    https://www.yumpu.com/de/document/view/8409580/der-ungeborene-tote-c-tobias-daniel-wabbel

    herzliche Grüße,
    Dan Gerritzen

    dangerritzen.blogspot.de
    http://www.tobiasdanielwabbel.com


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