Warum alle Angst vor Juncker haben

11. Juni 2014 2 Kommentare

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Nachdem das britische Boulevardblatt „The Sun“ dem ehemaligen luxemburgischen Premierminister und Kandidaten für das Amt des Kommissionspräsidenten, Jean-Claude Juncker, familiäre Verbindungen zu den Nazis vorgeworfen hat, schießt die Schweizer „Weltwoche“ nun endgültig den Vogel ab:

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Wenn man sich von der Sprachlosigkeit erholt hat, die einen angesichts dieses Titelbilds zwangsläufig überkommt, drängen sich mehrere Fragen auf:

Warum haben Schweizer, also EU-Ausländer, Angst vor einer Europa-Personalie? Wer zum Teufel ist der Glatzkopf (1)? Und muss man überhaupt noch irgendetwas, das die „Weltwoche“ publiziert, kommentieren (2)?

Alles interessante, aber nachrangige Fragen. Wenn man den ganzen Zirkus um den ehemaligen Luxemburger Premierminister verfolgt, stellt sich nämlich eine viel wichtigere: Warum haben so viele Leute Angst vor Juncker?

Prima facie ist Jean-Claude Juncker schließlich ein grundsolider, etwas dröger christdemokratischer Politiker. Nichts von dem, was seine Kritiker ihm unterstellen, hat Hand und Fuß. Außer vielleicht, dass er zuviel raucht.

Juncker ist kein radikaler Euroföderalist, wie der britische Premier David Cameron behauptet, in dessen Augen vermutlich alle ehemaligen, gegenwärtigen und zukünftigen Politiker viel zu eurofreundlich sind (außer Margaret Thatcher). Juncker besitzt auch keine braune Vergangenheit, wie „The Sun“ insinuiert. Recherchetipp, Kollegen: Der Mann wurde 1954 geboren. Noch immer nicht klar? Google it.

Und schon gar nicht ist er, wie Roger Köppels (hier mehr über diesen famosen Menschen) „Weltwoche“ es andeutet, der neue Hitler (4). Denn wenn Juncker der neue Hitler wäre, dann wäre Cameron wohl der neue Prinz John, Hollande vermutlich der neue Marschall Pétain und Klöppel? Eventuell der neue Wilhelm BaurMan will gar nicht so genau wissen, wer in diesem Weltbild Angela Merkel ist. Vermutlich die Leibhaftige.

Aber ich schweife ab. Egal ob Köppel oder Cameron, sie alle scheinen einen Mordsschiss vor Jean-Claude Juncker zu haben. Und in gewisser Weise kann ich das sogar nachvollziehen. Man muss lediglich Junckers Lebenslauf durchlesen, um zu verstehen, wie brandgefährlich dieser Mann ist.

Juncker war von 1995-2013 luxemburgischer Premierminister, davor bereits einige Jahre Finanzminister und Gouverneur bei der Weltbank. Seit einem Vierteljahrhundert geht er in Brüssel ein und aus. Er hat den Euro mitverhandelt. Er hat zwei deutsche Kanzler überlebt und drei französische Präsidenten, außerdem Minister, Kommissare und Diplomaten ohne Zahl. Sein Adressbuch dürfte den Umfang der New Yorker Gelben Seiten besitzen.

Hinzu kommt, dass Juncker bei seinen EU-Partnern vielleicht nicht immer geliebt, doch stets geschätzt wurde. Das liegt zum einen daran, dass er mit fast allen wichtigen Funktionsträgern an den Übersetzern vorbei parlieren kann (er spricht makelloses Deutsch, Französisch und Englisch). Zum anderen daran, dass der Regierungschef des winzigen Großherzogtums bei Verhandlungen stets als „ehrlicher Makler“ galt. Man wusste vielleicht nicht, was genau Juncker im Schilde führte. Relativ sicher war jedoch, dass er keinen geheimen Plan besaß, ganz Europa zu unterjochen (3).

Wenn man den Job des Kommissionspräsidenten per Ausschreibung vergeben wollte, stünden in der Stellenanzeige vermutlich folgende Anforderungen:

Mehrsprachigkeit; diplomatisches Geschick; exzellente Kontakte in alle europäischen Regierungen, in die Kommission sowie das EU-Parlament; langjährige intergouvernmentale Erfahrung.

Anders gesagt: Es gibt vermutlich niemanden, der fachlich besser qualifiziert wäre, Kommissionspräsident zu werden, als Jean-Claude Juncker. Seit dem (eigenwilligen, eitlen aber äußerst fähigen) Jaques Delors hatten wir in diesem wichtigen Amt, mit Verlaub, mehrheitlich Trunkenbolde und Flachpfeifen. Juncker hingegen besäße die Skills, wie man neudeutsch sagt, um in diesem Amt wirklich etwas zu reißen.

Und das, glaube ich, ist der Grund dafür, dass einige Leute so eine Heidenangst vor ihm haben. Jahrelang sind die Camerons Europas damit durchgekommen, Spitzenpositionen in Brüssel mit B- oder C-Politikern zu besetzen. Jetzt könnte den wichtigsten EU-Job einer bekommen, der dafür richtig gut qualifiziert ist.

Nicht auszudenken, was das für grauenerregende Folgen haben könnte.

 

Anmerkungen

1. Den Mann mit der Glatze neben Adolf Hitler zu stellen – das ist eine noch größere Gemeinheit, als dies mit Jean-Claude Juncker zu tun. Es handelt sich nämlich um Robert Schumann,  den ehemaligen französischen Außenminister und Mitbegründer der Europäischen Union sowie der NATO.

2. Für all jene, die sich mit Schweizer Medien nicht so auskennen: Früher war die „Weltwoche“ ein gut gemachtes Magazin für Querdenker. Jetzt ist sie das, was herauskäme, wenn man den Redakteuren von „Fox News“ ein Kilo Crystal Meth gäbe und sie beauftragte, ein Printmagazin zu machen.

3. Einen Luxemburger Politiker dessen zu bezichtigen, ihn gar als größenwahnsinnigen Eroberer darzustellen, ist so absurd, dass es nicht einmal einen totalen Kretin einfallen würde. Moment mal.

4.  Juncker mit Hitler zu vergleichen ist übrigens nicht einmal sonderlich originell. Der Schweizer Politiker Christoph Blocher behauptete bereits 2011, der Luxemburger Rede wie der österreichische Gefreite.

 

 

 

 

 

 

 



2 Kommentare

  • Fern Morbach sagt:

    Guten Tag Herr Hillenbrand,

    nur zu Ihrer Info: Bei etwas genauerem Hinsehen hätten Sie festgestellt, dass die Weltwoche vor der Sun den Vogel abgeschossen hatte. Der – völlig zu recht – viel kritisierte Artikel in der Weltwoche erschien bereits am 4. Juni. Die Entrüstungswelle benötigte allerdings eine Woche, bis sie Luxemburg erreicht hatte. Das tut im Prinzip nichts zur Sache – für mich ist es aber ein Beispiel, dass sich die Menschen in unserer florierenden Entrüstungsdemokratie für Details nicht mehr interessieren… Im Übrigen lohnt sich auch noch ein Blick auf die in der Tat ziemlich prominenten Autoren der Weltwoche, von denen zB der Chefredakteur seit Jahren in deutschen Talkshows herumgereicht wird und auch mal zwei Jahre lang CR der „Welt“ war.


  • Welter Roger sagt:

    Sehr guter Kommentar!
    Kleines bémol auch Robert Schumann ist Luxemburger von Geburt 🙂


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