Lassen Sie mich durch, ich bin Schriftsteller

11. Juli 2014 8 Kommentare

TheParisReview1

Schriftsteller zu sein, ist toll. Wegen den Unmengen von Kohle, die man scheffelt – aber Geld ist beileibe nicht das Tollste an diesem Beruf. Zwei weitere Dinge machen das Schreiben von Romanen für mich zum besten Job der Welt.

Ding Nummer Eins: Die Leute freuen sich, wenn ich auftauche – zu einer Lesung, beispielsweise, oder zu einem Verlagsbesuch.

Wer als Weihnachtsmann oder Lotteriegewinnbenachrichtiger arbeitet, wird jetzt vielleicht mit den Achseln zucken. Ich aber war früher Journalist, also Mitglied einer gesellschaftlichen Gruppe, die in Beliebtheitsumfragen meist knapp vor Kinderschändern und Politikern landet. Auch damals haben zwar immer alle gesagt, sie freuten sich, mich zu sehen. Aber gedacht haben sie: Da kommt wieder die Ratte von der Presse.

Nun hingegen flicht man mir Blumenkränze. Bücherschreiber sind bei den Leuten sehr beliebt, weil Kulturträger. Es gibt ja dieses Bonmot, dass jemand, der Bücher mag, kein völlig schlechter Mensch sein kann. Ergo, folgern die Leute, muss jemand, der sogar welche schreibt, ein ganz famoser Mensch sein.

Diese Haltung ist für uns Autoren erfreulich, auch wenn sie ausgemachter Schwachsinn ist. Um das zu illustrieren, genügt ein Zitat von August Kubizek über einen bekannten österreichischen Buchliebhaber: „Bücher, immer wieder Bücher! Ich kann mir Adolf gar nicht ohne Bücher vorstellen. Bücher waren seine Welt.“

Später sperrte man Adolf, den Bücherfreund, monatelang mit einem Haufen selbiger in eine Landsberger Zelle. Und obwohl er die Bücher alle durchackerte und sogar selbst eines verfasste, wirkte dies kaum im positiven Sinne persönlichkeitsbildend.

Aber ich schweife ab. Der zweite Grund, warum Schriftsteller sein toll ist, lautet: Man ist auf Cocktailpartys nie um ein Gesprächsthema verlegen.

Sobald ich mich oute, gibt es ein Thema, nämlich mich.

Ich nehme an, es liegt daran, dass den homme des lettres irgendein exotisches Fluidum umweht, das die Menschen neugierig macht. Sie fragen sich, was so ein Autor eigentlich den ganzen Tag tut.

Um das kurz zu beantworten: Nicht viel. Vermutlich nehmen Sie an, es gäbe bei mir von morgens bis abends Koks, Nutten und Austern, in variierender Abfolge. Es gibt aber lediglich Beuteltee und einen Ikeaschreibtisch. Um es mit den Worten von Ernest Hemingway zu sagen: „Schreiben ist nichts Besonderes. Man setzt sich einfach an die Schreibmaschine und blutet.“

Obwohl mein Beruf also unspektakulär ist, sind die Cocktailpartygäste stets total geflasht, dass sie gerade einem leib-haf-ti-gen Schriftsteller gegenüberstehen. Ohren schlackern, Eiswürfel klackern. Und dann stellen sie Fragen. Meistens geht es folgendermaßen los.

„Sie sind also Schriftsteller!“

„Jup.“

„Haben Sie denn schon was veröffentlicht?“

Die Frage verdutzt mich immer wieder. Würde man einen Chirurgen fragen, ob er schon einmal operiert hat? Aber eigentlich ist die Frage hinter der Frage ja auch diese:

„Sind Sie ein echter Schriftsteller? Oder nur ein arbeitsloser Penner, der den ganzen Tag Lines von seinem Ikeaschreibtisch zieht?“

Ich beteuere dann stets, dass ich kein Schriftstellerdarsteller bin, sondern der wahre Jakob: Mit Verlag, Agentin und richtigen Büchern, die man in richtigen Buchläden kaufen kann.

„Ich bin jetzt beim sechsten Buch.“

Das beruhigt meine Gesprächspartner dann ein wenig. Aber nicht so richtig. Eine der nächsten Fragen lautet deshalb:

„Wie viele Bücher haben Sie denn schon verkauft?“

Diese Frage, um das kurz einzuschieben, stellen übrigens nicht nur Fremde. Auch Freunde, Bekannte und Familienmitglieder erwarten, dass ich Ihnen detailliert Zeugnis über meine Erlöse ablege. Sobald ich erwähne, dass gerade ein neues Buch erschienen ist, will jeder wissen, wie es sich verkauft.

Das ist verständlich? Vielleicht. Andererseits: Stellen Sie sich doch mal folgenden Dialog vor:

„Was machen Sie beruflich?“

„Ich verkaufe Dachschindeln.“

„Aha. Wie viele Dachschindeln haben Sie denn schon verkauft? Ich meine, so insgesamt?“

„Puh, so genau weiß ich das nicht. Viele, viele Tausend wohl.“

„Ja, aber sagen Sie, Dachschindeln, kann man davon leben?“

„Wenn man genug Schindeln verkauft, schon.“

„Und? Verkaufen Sie genug?“

„Ich denke schon.“

„Aber Sie machen das nebenbei, das mit den Schindeln, oder? Sie haben auch noch einen richtigen Job, oder?“

Ich war bereits Dokumentar, Redakteur, Wissenschaftlicher Assistent, Einzelhändler und Eisverkäufer. Aber in keinem dieser Berufe bin ich derart oft auf meinen Erfolg abgeklopft worden wie als Schriftsteller.

Manchmal überlege ich, auf meiner Webseite Quartalszahlen zu veröffentlichen und Adhoc-Mitteilungen herauszugeben: „Hillenbrand: Absatz „Teufelsfrucht“ in Q2 gg. Q1 +7% / in line mit Feuilleton-Prognose“.

Jedes Mal, wenn wieder einer fragt, versuche ich, ruhig zu bleiben und es mir nicht allzu sehr zu Herzen zu nehmen. Vor allem, da die ganze Fragerei ja letztlich das enorme Interesse und die immense Hochachtung der Menschen für das gedruckte Wort im Allgemeinen und meine Arbeit im Speziellen dokumentiert.

Oft können meine Gesprächspartner gar nicht an sich halten, und verbrüdern sich quasi mit mir:

„Wissen Sie, ich bin Chirurg. Aber wenn ich in Pension gehe, dann möchte ich auch Schriftsteller werden.“

Ist klar. Und wenn ich in Pension gehe, dann möchte ich endlich ein paar Leute aufschneiden. Allerdings frage ich mich: Kann man davon eigentlich leben?

 

Tom Hillenbrand (41) lebt in München, arbeitet hauptberuflich als Schriftsteller und ist noch nicht verhungert. Sein aktuelles Buch „Drohnenland“ ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

 

 

 

 



8 Kommentare

  • Anni Bürkl sagt:

    Danke, Herr Kollege!
    Sie haben Glück, dass Sie einen der wesentlichen Sätze nicht gehört haben: „Ich hab auch schon mal ein Buch gelesen.“


  • Margot sagt:

    Gut getroffen! 😀


  • Curima sagt:

    Herrlicher Artikel! Ich glaub, so nach der 5. Cocktailparty, wo man mir solche Fragen stellen würde, würde ich die nächste Einladung versehentlich vergessen…

    (Mein Beruf hingegen klingt so langweilig, dass ich da eigentlich nie was zu gefragt werde. Dabei passieren da so viele komische Dinge, dass man glatt ein Buch drüber schreiben könnte.)



  • Menschen: würde es sie nicht schon geben, müsste man sie für derart unterhaltsames Verhalten einfach mal erfinden. Als Onlinejournalist erlebe ich ähnliches.

    „Für wen schreibst du?

    „Für die Menschen im Internet.“

    „Aha, aber damit verdienst du doch kein Geld…“

    „Ändert nichts daran, dass ich schreiben muss.“

    Ja, es ist in der Tat so. Doch was ist, wenn die Worte, die ich habe derzeit unverkäuflich sind, weil die Gedanken, die sie anregen könnten den Mächtigen missfallen? Selbstzensur zu Gunsten kommerziellen Erfolges? Oder doch lieber Supermarktkasse, Telefonumfragen und 450 Euro-Job?

    Deswegen meine Frage an Sie, Tom: wären Sie Schriftsteller, wenn Sie davon nicht leben könnten? Bin gespannt auf die Antwort…


  • Tom sagt:

    Wäre ich. Fragt sich nur, wie lange.


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