Ein Text aus purem Gold

7. Oktober 2014 8 Kommentare

Treasure

Nehmen wir einmal an, diese meine Kolumne gefiele Ihnen so ausnehmend gut, dass Sie den Text gerne in Ihrem Magazin veröffentlichen würden. Ich weiß, Sie kennen gerade einmal die ersten Zeilen. Falls Sie jedoch nicht völlig minderbemittelt sind und einen Funken sprachlichen Gespürs besitzen, sollte Ihnen bereits dämmern, dass dies nicht irgendeine eilig dahingekloppte Kolumne ist, sondern ein Kleinod unter den Kurztexten – nicht vergleichbar mit jenen agraphischen Ergüssen, mit denen irgendwelche Lohnschreiber den Stern oder die FAZ vollsudeln.

Diese Kolumne ist ein Gottesgeschenk.

Und weil dieses Schriftstück solch eine unglaubliche Zier für Ihr Blättchen wäre, erwarte ich für die Abgabe der Nutzungsrechte eine entsprechende Gegenleistung. Und zwar: Ich räume Ihnen das Recht ein, diesen ambrosischen Text einmalig in Ihrer Postille abzudrucken. Das sei Ihnen meinetwegen gestattet, darüber hinaus verbleiben jedoch sämtliche Rechte bei mir. Weder dürfen Sie meinen Text weiterverkaufen, noch ihn verfilmen. Obwohl dies dringend geboten wäre.

Ferner haben Sie mich, so Sie diesen köstlichen Essay in Ihr randseitiges Käseblatt heben wollen, angemessen zu honorieren. Der stellaren Qualität dieses Textes eingedenk erwarte ich nicht nur eine einmalige Zahlung. Ich möchte auch an den enormen Profiten beteiligt werden, die dieser Text Ihnen fürderhin einbringen wird. Es ist schließlich zu erwarten, dass es zu einem Heiligenscheineffekt kommt: Das betörend güldene Licht, das meine feinziselierten Zeilen aussenden, wird Ihrer gesamten Verlagsgruppe zugute kommen und Sie mittelfristig sehr reich machen.

Folglich wäre es keineswegs unangemessen, wenn Sie mir für meinen phänomenalen Text einen rekurrierenden Obolus zahlten. Ich bin ein genügsamer Mensch, weswegen ich mich mit 600 Euro zufrieden gäbe. Vorausgesetzt, sie überweisen diese pünktlich zum ersten jedes Monats auf mein luxemburgisches Bankkonto. Wie lange? Nun, solange der Text online oder in Archiven verfügbar ist. Sollte ich vorher das Zeitliche segnen, erklären Sie sich einverstanden, das Geld dennoch weiter zu überweisen. Auf dass sich meine Erben, wer auch immer sie sein mögen, ebenfalls dieser Sinekuren erfreuen können, auf immerdar.

Wie? Was sagen Sie? “Aufgeblasener Möchtegernliterat?”,  “Größenwahnsinniger Irrer?” Ich muss doch sehr bitten!

Ihren erregten Einlassungen entnehme ich, dass Ihnen meine äußerst moderaten Vertragsvorstellungen unziemlich erscheinen. Nun, das sehe ich völlig anders. Aber da ich kein Unmensch bin, höre ich mir gerne Ihre Position an.

Aha. Sie sind also mit den 600 Euro einverstanden – wollen diese aber nur einmalig zahlen? Soso. Und was genau möchten Sie dafür haben?

Den Text, schon klar. Noch was?

Ich darf meinen Text nirgendwo anders veröffentlichen, verstehe. Sie wollen ferner das Recht, mein Opus in jeder Ihrer Verlagspublikationen zu veröffentlichen, sei es ein Magazin, ein TV-Kanal oder eine Webseite. Sie möchten das Recht, meinen Text außerdem in Publikationen zu veröffentlichen, die es noch nicht gibt, aber irgendwann einmal geben könnte. Wobei Sie offen halten möchten, was “Publikation“ in diesem Kontext bedeutet. Und Sie möchten meine Erlaubnis, den Text jederzeit passend zu machen und einzukürzen, zu deutsch: ihn zu verhunzen, auch ohne mein Plazet.

War es das? Nicht? Hatte ich mir fast gedacht.

Sie wollen außerdem das Recht, meinen ebenso divinen wie sublimen Text weiterzuverkaufen, an Kreti, Pleti und Goldwyn-Mayer. Sie möchten das Recht, internationale Licensingdeals einzugehen. Sie möchten meinen Text für ein Buch verwenden dürfen, für ein Hörspiel oder eine Theaterproduktion.

Und wenn Sie meinen Text, diesen Paragon der Publizistik, tatsächlich weiterverkaufen, wovon ja schwer auszugehen ist – mit wieviel Prozent bin ich dann an den Erlösen beteiligt?

Ah, gar nicht. Ist alles mit den 600 abgegolten.

Das klingt ja nicht nach einem besonders guten Deal – und für welchen Zeitraum soll diese Totalenteignung gelten?

Wie bitte? Bis 2094?

Und wer ist hier jetzt größenwahnsinnig?

______________

Tom Hillenbrand (41) lebt in München, und arbeitet hauptberuflich als Autor. Er hält alle Rechte an diesem Text,würde sie aber unter Umständen verkaufen (s.o.). Sein aktuelles Buch “Drohnenland” ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Bild: Clever Cupcakes, CC BY-NC-ND 2.0

CC BY-NC-ND



8 Kommentare

  • Klaus D. sagt:

    Virgin Records waren (im Musikgeschäft) die ersten, die in ihren Plattenverträgen mit Musikern als Geltungsbereich das UNIVERSUM reinschrieben.


  • Martin sagt:

    Das hört sich an, als wäre da ein Vertrag von der „Zeit“ im Briefkasten gelandet. So las er sich jedenfalls bei mir 🙂


  • markus sagt:

    Ein Text. Mit Inhalt. Mit Argumenten. Für mich sogar anschlussfähig. Dass man in Details verschiedener Meinung sein kann, ohne an der Kern-Message zu rüteln: geschenkt.

    War es das? Mitnichten!

    Es ist nämlich noch ein Bild dabei. Gekennzeichnet – wie es sich gehört: CC BY-NC-ND 2.0. NC steht für „Non-Commercial“

    So weit – so gut? Nö!

    Es sind nämlich Auch Amazon-Links dabei. Nix schlimmes. Wirklich nicht. Links bereichern das Internet. Man darf meiner bescheidenen Meinung nach sogar so weit gehen zu sagen, dass ein Internet ohne Links nicht existent wäre. Ja, die Amazon-Links wären ja in Ordnung – ja WENN sie denn keinen Referrer enthielten. Denn so wird die Seite komerziell.

    Fehlende Englischkenntnisse beim Verfasserr? Mitnichten!

    Unten Links auf der Seite grinst mich an: „© Copyright 2013. All Rights Reserved.“. Englisch sollte also kein Problem sein.

    Tja schon seltsam: Zweierlei Maß anprangern und selber zwiespältig messen. Schade! Trotzdem: Glückwunsch zum „6 vor 9“-Auftritt. Das Thema ist Ernst, auch wenn die Kür nicht ganz gelungen ist.

    LG Markus


  • jj preston sagt:

    Du hast das Entgelt für die Google-Snippets vergessen… zumindest explizit…


  • kinderdok sagt:

    😉
    sehr schön. Wirklich. Ich hoffe, es war ok, dass ich das kostenfrei getwittert habe. Da war so ein Button am Ende, da konnte ich das initiieren.

    Ich bin zwar kein Journalist oder sonst professioneller Schreiber, aber auch ich habe etwas zu sagen und ein Blog, das ein gewisse Leserschaft vulgo Zielgruppe ansprechen kann. Es ist dreist, wie das manche Firmen – Naivität voraussetzend – ausnutzen wollen. Ein ähnliches Problem, nur eben im Blogging.



  • Du sprichst mir aus der Seele, lieber Tom. Die universelle Nutzung und Rechteübertragung für die gezahlten Honorare ist meines Erachtens nach nur eins: Sittenwidrig.

    Es geht aber noch besser: Von einem Verlag bekam ich das Angebot „gegen Belohnung“ zwei Seiten einer Fachzeitschrift mit einem launischen Börsenrückblick für das zuende gehende Jahr zu füllen. Ich habe zugesagt, ohne nachzufragen, wie denn die Belohnung aussähe, da ich regelmäßig für den Verlag schrieb und das Honorar marktüblich war und sogar pünktlich gezahlt wurde.

    Die „Belohnung“ kam nach ein paar Wochen per Post. Eine Flasche Sekt der billigsten Sorte. Eine von der Art, die man nicht einmal weiterverschenken kann. Meine Rechnung kam postwendend zurück – ich hätte doch eine Flasche Champagner für meinen Jahresendbeitrag erhalten.

    Ich habe den Sekt dann wütend zurückgeschickt, die Rechnung nochmal beigelegt und tatsächlich bezahlt bekommen.

    Nur dass danach für die Kolumne leider kein Platz mehr war…


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