Schreiben: Zehn Tipps.

20. Mai 2015 19 Kommentare

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Vorwort

Was sind die wichtigsten Regeln, wenn ich ein Buch schreiben will? Die Frage wird mir öfters von Freunden oder Bekannten gestellt. Ich antworte meist, dass ich keine Ahnung habe, was für Regeln das sein könnten – und dass ich nicht weiß, wie man ein Bücher schreibt.

Das mag kokett klingen angesichts der Tatsache, dass ich bereits ein halbes Dutzend geschrieben habe. Ist es aber nicht. Ich kann nicht beantworten, wie in meinem Kopf (oder gar im Kopfe eines anderen) ein Buch entsteht. Jeder, der das mit dem Schreiben einmal ausprobiert hat, wird mir beipflichten: Die wirklich interessanten Dinge dabei passieren im Kopf, während des Schreibens. Der ganze Schreibprozess ist folglich nur begrenzt erklärbar. Aber natürlich gibt es Leitlinien, bezüglich des Wie. Einige davon möchte ich im Folgenden kurz skizzieren.

Bei meinen Tipps geht es um die Methodik. Was Dir hingegen keiner beantworten kann, ist die Frage, ob Du die Disziplin und das Durchhaltevermögen besitzt, Dich regelmäßig an den Schreibtisch zu setzen und ein paar Seiten in den Rechner zu hacken – denn nur so entsteht letztlich ein Buch. Eine weitere Frage, die Dir niemand beantworten kann, ist die, was Du denn eigentlich schreiben sollst. Bösartig formuliert würde ich sagen: Wenn Du keine Idee hast, die Dich seit Monaten verfolgt, wenn keine Dialoge oder Bilder aus Deiner Brust aufsteigen, wenn Du also nicht eigentlich schon ganz genau weißt, dass Du schreiben musst – dann solltest Du es vielleicht lieber lassen.

Aber nun, ohne weiteres Vorgeplänkel: zehn Tipps für alle, die ein Buch schreiben wollen.

1. Warte nicht auf die Muse.

Viele stellen sich das Schreiben eines Romans so vor, wie es der berühmte Krimiautor Georges Simenon einst beschrieben hat. Simenon gab zu Protokoll, er habe, wie so oft, in einem Café gesessen, den einen oder anderen Genever getrunken, und dabei geraucht, als plötzlich der Pariser Kommissars Maigret hereinspaziert sei. Flugs erhob Simenon sich, wankte zu seiner Schreibmaschine und hackte in einer Marathonsitzung, die beinahe zwei Tage dauerte, den ersten Maigret-Roman „Pietr-le-Letton“ herunter.

Es mag solche Fälle geben, aber im Allgemeinen kann man sagen: Dies ist nicht die Art und Weise, wie ein Buch entsteht. Die Vorstellung, Du müsstest darauf warten, dass Dich die Muse küsst, also eine plötzliche Eingebung vom Himmel fällt, ist falsch. Der Muse zu harren, ist völlig unpraktikabel, weil Du durch das Herumgesitze in Cafés oder das Flanieren in Parks keine einzige Manuskriptseite fertig bekommst. Das heißt nicht, dass Du nicht ab und zu in die Wolken starren sollst. Das Wichtigste jedoch ist, dass Du schreibst.

Das mag banal klingen, und das ist es auch. Der Bestsellerautor Stephen King hat einmal gesagt, Amateure warteten auf Eingebungen. Profis hingegen setzten sich auf ihren Hintern und tippten drauf los. King hat natürlich Recht. Das Magische am Schreiben ist, dass einem viele Ideen erst kommen, während man schreibt. Und seltsamerweise sind es häufig jene Tage, an denen Du Dich mies fühlst und überhaupt keine Lust hast, Dich an den Schreibtisch zu setzen, an denen es wahnsinnig flutscht und die Welt um Dich herum verschwindet.

An anderen Tagen ist das Schreiben eine Quälerei – aber das ist schließlich bei jeder Arbeit so. Das Kind kommt nicht von alleine. Wenn Du eines gebären willst, musst Du pressen. Deshalb ist die erste und allerwichtigste Regel, ich wiederhole es noch einmal, nicht auf irgendetwas zu warten, sondern anzufangen. Nur wenn Du täglich eine Seite schreibst, wird daraus ein Stapel Seiten, vulgo Buch. Und nur wenn Du Deine Idee aufschreibst, sieht Du, ob sie etwas taugt.

2. Schau nach vorne, nicht zurück.

Ebenso wichtig wie das regelmäßige Schreiben ist es, sich nicht allzu lange mit bereits Geschriebenen aufzuhalten. Das ist vermutlich ein Ratschlag, der vor allem für Spannungsliteratur gilt, aber er ist in gewissem Maße allgemeingültig. Natürlich kannst Du Deine ersten zehn Seiten immer wieder durchlesen, kannst darüber nachgrübeln, ob nicht alles ganz anders aufgezogen werden muss. Tust Du das, schreibst Du erstens nicht (siehe Regel 1) und zweitens machst Du Dir viel zu viele Gedanken. Und Denken ist, darauf werden wir an einem späteren Punkt noch kommen, ziemlich überschätzt. Ernest Hemingway hat es einmal so ausgedrückt: „Bei Romanen gibt es nur eins. Man muss das verdammte Ding bis zum Ende durchziehen.“

Schreib einfach weiter, immer weiter, bis du fertig bist. Sollte das Geschriebene nicht optimal sein, sollten Dir bestimmte Passagen nicht gefallen, dann schreib sie um. Aber erst, wenn Du fertig bist.

3. Scheiß auf die Meinung anderer Leute.

Auch dieser Punkt ist sehr wichtig, aber vielleicht ein wenig erklärungsbedürftig. Du hast als Autor, egal ob als Profi oder als Hobbyautor, potenziell mit einer Reihe von Leuten zu tun. Schreibst Du hauptberuflich, sind das zum Beispiel die Marketing-Fuzzis im Vertrieb Deines Verlags, Dein Literaturagent, Lektoren und Literaturkritiker. Falls Du Amateur bist, handelt es sich wahrscheinlich eher um Menschen aus Deinem Bekanntenkreis, denen Du Deine Arbeit zeigst.

All diese Leute werden eine Meinung zu Deinen Texten haben, vor allem, und das ist typisch für Menschen, zu denen, die Du noch gar nicht geschrieben hast. Einer wird Dir erklären, dass weibliche Kommissare total out sind, ein anderer, dass niemand mehr Berlin-Romane lesen will, ein Dritter, dass Fantasycharaktere moralisch nie ambivalent daherkommen dürfen und so weiter und so weiter.

All dies hat Dich nicht zu interessieren. Wichtig ist nur, dass Du Deine Idee durchziehst, und zwar auf die Art und Weise, die Du für richtig hältst. Ein gutes Buch kann nur aus Dir kommen. Du kannst nur Dein Buch schreiben und nicht das anderer Leute. Hinzu kommt, dass gerade die Leute im professionellen Literaturbetrieb deutlich weniger Ahnung von Büchern haben, als sie Dich und andere glauben lassen möchten.

Damit will ich nicht sagen, dass diese Menschen irgendwie dämlich sind. Aber Fakt ist: Fast alle guten Bücher kommen aus dem Nichts. Sie sind nicht am Reißbrett entstanden, es hat sich niemand hingesetzt und die Erfolgsingredienzen eines Bestsellerromans in einer Checkliste zusammengeschrieben und diese dann einem Autoren übergeben. Gute Bücher sind stets überraschend. Sie sind deshalb überraschend, weil sie der Fantasie eines einzelnen Schriftstellers entspringen.

Hinzu kommt, und auch das ist mit „Scheiß auf die Meinung anderer Leute“ gemeint, dass es sehr gefährlich sein kann, anderen zu früh von seiner Idee zu erzählen oder ihnen Leseproben zu zeigen. Du magst Dich für dickhäutig und robust halten. Aber Deine Idee ist fragiler und verletzlicher als Du denkst (und Du selbst vielleicht auch).

Oft wirst Du mit Kritik in der Form von “Das klingt eigentlich wie ein Abklatsch von XY“ konfrontiert werden. Oder jemand sagt etwas wie „Ich würde die Hauptfigur ganz anders aufziehen“ oder „Wer will denn so etwas lesen? Dafür gibt es doch gar keine Nachfrage.“

Mit all dieser Kritik musst Du umgehen, wenn Du das Manuskript einem Verlag andienen willst oder die fertige Fassung bei Bekannten zirkulierst. Aber wenn Du Dein Buch fertig geschrieben hast und weißt, was Du willst, kannst Du derlei Kritik viel souveräner begegnen und sie leichter ertragen.

Holst Du zu früh Feedback ein, werden Dich die Stimmen der Zweifler während des Schreibens verfolgen wie ein Chor von Anti-Musen. Der vorhin bereits erwähnte Stephen King hat einmal das Credo ausgegeben: „Schreib mit geschlossener Tpr. Redigiere mit offener Tür.“

Oder anders gesagt: Arbeite alleine, arbeite im Stillen, und rede nicht über Deine Geschichte. Schreib sie lieber auf.

4. Schreibe Deine Einfälle auf. Sofort!

Das Seltsame an Ideen ist, dass sie Dich häufig in Momenten ereilen, in denen Du sie nicht erwartest. Vielleicht fällt Dir die Lösung eines verzwickten Plotproblems ein, während Du gerade im Supermarkt an der Kasse stehst oder durch den Stadtpark joggst. Oft denkt man in diesen Momenten: Das ist eine gute Idee. Die ist so gut, die kann ich mir locker bis nachher merken.

Das funktioniert nie.

Ideen sind flüchtig. Deshalb musst Du sie in dem Moment, in dem sie vorbeiflattern, festhalten. Es ist egal, ob Du dafür ein Notizbuch verwendest oder sie Dir selbst mailst – Hauptsache Du bringst sie „zu Papier“. Das gilt für große Ideen ebenso wie für kleine. Wenn Du etwas Interessantes liest; wenn Du einen Satz hörst, der Dir gefällt; wenn eine irrwitzige Szene vor Deinem geistigen Auge erscheint – schreib’s auf. Sofort.

Es ist dabei völlig gleichgültig, ob Du für die Idee bereits eine Verwendungsmöglichkeit hast oder nicht. Hauptsache, Du steckst sie in Dein Magazin, damit Du sie irgendwann abfeuern kannst.

5. Du darfst plotten. Aber Du darfst dich nicht dran halten.

Einer der großen Streitpunkte unter Autoren ist, ob man Geschichten ex ante ausplotten soll oder nicht. Wenn man einen wissenschaftlichen Aufsatz schreibt oder einen Vortrag verfasst, pflegt man zunächst eine Outline (Gliederung) zu erstellen. Aber gilt das auch für Belletristik? Es gibt darauf keine eindeutige Antwort. George R. R. Martin, der Autor von „Game of Thrones“ hat einmal gesagt, es gäbe zwei Arten von Schriftstellern. Die Architekten, die das gesamte Haus im Vorfeld planen, mit Grundrissen und allen Details. Und die Gärtner die einen Samen pflanzen und schauen, was wächst.

Beide Herangehensweisen sind möglich. Ich persönlich glaube allerdings nicht, dass Plotten ein absolutes No-Go ist, wie es zum Beispiel Stephen King behauptet.

Was Du aber bedenken musst: Es sollte den Figuren in Deinem Roman nicht anders ergehen, als Menschen im wahren Leben. Letztere wissen nie, was als Nächstes passiert, sie treffen ihre Entscheidungen aufgrund unvollständiger Informationen. Wenn du Deinen Roman bis ins allerletzte Detail durchplanst und schon genau weißt, wer wann was tuen oder sagen wird, schlägt sich das natürlich in den Handlungen der Figuren nieder. Und das ist vermutlich schlecht, weil die Geschichte dann unglaubwürdig und hölzern wird.

Das heißt aber nicht, dass Du Dir kein Baugerüst zimmern darfst. Ich persönlich tue das immer, weil das Gerüst mir eine Illusion von Sicherheit verschafft. Es ist aber regelmäßig so, dass ich bereits nach dem dritten oder vierten Kapitel merke, dass die Figuren die Geschichte in eine ganz andere Richtung ziehen und mein feinsäuberlich skizzierter Plan sich in Wohlgefallen auflöst. Das macht nichts. Ich würde mir sogar große Sorgen machen,wenn es nicht passierte.

Also: Plotte oder lass es sein. Aber behalte stets im Kopf, dass Du beim Schreiben nicht allzuviel Kontrolle über das Geschehen hast – auf jeden Fall weniger, als Du annimmst. Bedenke ferner, dass dies so sein muss. Fürs Schreiben gilt ein Paradox aus dem Zen-Buddhismus: Um Kontrolle zu erlangen, musst Du zunächst die Kontrolle verlieren.

6. Arbeite wie ein Bildhauer.

Ein Bildhauer beschäftigt sich nicht als Erstes mit der Form der Ohrmuscheln oder dem Schwung der Nase. Stattdessen klopft er aus dem Granit die grobe Form des Kopfes frei und arbeitet sich von dort vor. Genauso musst Du beim Schreiben eines Buches vorgehen.

Du hast da einige Löcher in Deinem Plot? Da sind Kapitelenden und – anfänge, die nicht so recht zusammenpassen? Egal. Du findest, dass die Ausdrucksweise einer Figur noch nicht so ist, wie Du sie gerne hättest? Scheiß drauf. Mach erst einmal weiter. Nimm dich dieser Probleme im zweiten oder dritten Durchgang an. Oder vielleicht auch im vierten, fünften oder sechsten. Sei Dir der Tatsache bewusst, dass Schreiben, überhaupt Kunst, ein iterativer Prozess ist.

Das schönste Beispiel dafür ist der Komponist von Ludwig van Beethoven. Er erscheint uns als unglaubliches Genie, wenn wir Meisterwerke wie seine Neunte Symphonie hören. Was aber heute kaum noch jemand weiß, ist, wie sehr er sich quälen musste, um zu solch herausragenden Ergebnissen zu gelangen. Beethovens Symphonien durchliefen teilweise bis zu fünfzig Iterationen. Da seine Papiere gut erhalten sind, kann man sehen (und theoretisch auch hören), wie seine Symphonien in den frühen Versionen klangen. Viele klangen nur Scheiße bis ordentlich. Die Grundidee taugte etwas, aber die Ausarbeitung war suboptimal. Und deshalb bürstete Beethoven seine Partituren so lange durch, bis alles passte. Immer wieder. Genau so solltest Du auch vorgehen.

7. Nachdenken wird überschätzt.

Manchmal lohnt es sich, über ein Problem lange nachzudenken. Häufig lohnt es sich überhaupt nicht. Das liegt daran, dass wir eine völlig falsche Vorstellung vom Denken entwickelt haben, die vor allem für den kreativen Prozess eher hinderlich als förderlich ist.

Viele Probleme lassen sich nicht durch proaktives Grübeln lösen. Man muss sie mit der Don-Draper-Methode angehen. Der Werber aus der Erfolgsserie „Mad Men“ sagt: „Denk drüber nach. Eingehend. Und dann vergiss es. Und irgendwann springt Dir die Idee ins Gesicht.“

Du hast ein Problem mit einer Figur oder dem Plot? Grüble noch einmal fünf Minuten darüber nach und mach dann woanders weiter. In der Regel wird Dir die Lösung nach ein paar Tagen einfallen.

Das Schreiben eines Buches ist ein langwieriger und komplexer Vorgang. Wenn Du erst einmal zweihundert oder dreihundert Seiten geschrieben hast, wirst Du feststellen, wie sehr Dich Dein Buch gefangen nimmt. Selbst wenn Du gerade nicht bewusst an ihm arbeitest, wird auf einer anderen Ebene in Deinem Hinterkopf der Denkprozess die ganze Zeit weiter laufen – Du denkst darüber nach, ohne darüber nachzudenken.

Zu den absurdesten Momenten werden Dir Lösungen für Probleme einfallen, ebenso wie Fragen oder Ideen der Verbesserung einer Szene (schreib’ die auf, sofort).

8. Texte gehören ins Abklingbecken.

Irgendwann tauchst Du tief in Dein Buch ein und beschäftigst Dich kaum noch mit etwas anderem. Das muss so sein, aber diese obsessive Beschäftigung mit dem eigenen Werk ist natürlich auch ein Problem. Irgendwann kannst Du nicht mehr beurteilen, ob das, was Du geschrieben hast, wirklich gut ist.

Du hast vielleicht ein Bauchgefühl, aber natürlich wirst Du nach einiger Zeit mit einer enormen Betriebsblindheit geschlagen sein. Deshalb ist es notwendig, das fertige Manuskript zur Seite zu legen. Und zwar nicht zwei oder drei Tage, sondern mindestens zwei oder drei Wochen, wobei ich das ehrlich gesagt für zu kurz halte. Besser sind sechs, vielleicht sogar acht.

Danach liest Du den ganzen Kladderadatsch noch einmal durch. Tue das möglichst nicht an Deinem Schreibtisch und nicht auf Deinem Laptop, sondern wähle eine andere Umgebung und ein anderes Leseszenario. Drucke dein Manuskript aus und setze dich damit ins Café (jetzt darfst Du das), oder lade es auf Dein iPad und lies es während einer Zugfahrt, im Freibad oder auf dem Sofa.

Nimm also eine andere Haltung gegenüber Deinem Buch ein und tue so, als seist Du nicht der Autor, sondern nur ein Leser. Wenn Du so vorgehst, wird es Dir leichter fallen, Fehler oder verbesserungswürdige Stellen zu finden. Es ist außerdem ratsam, dieses Lesen als Leser nicht in vielen kleinen Einheiten zu absolvieren. Lies das Buch möglichst in einem Zug durch. Dann fallen Dir nämlich am ehesten Längen auf, dito Plotprobleme.

Das geht natürlich nur, wenn Du nicht „Krieg und Frieden“ geschrieben hast. In diesem Fall solltest Du dir vielleicht eine Woche frei nehmen.

9. Du brauchst keine Muse. Aber einen Freund.

Irgendwann wirst Du Dein Buch jemandem zum Lesen geben müssen. Diese Person, im Branchenjargon oft First Reader genannt, gilt es mit Bedacht auszuwählen. Es ist nicht so wichtig, dass sie Ahnung von Literatur hat. Wichtiger ist, dass Du ihr vertraust und dass sie zärtlich mit Deinen Zeilen umgeht.

Du kannst das Buch durchaus auch mehreren Leuten schicken (wenn Du mehrere kennst, auf die das eben Gesagte zutrifft). Die Kritik und das Feedback, die zurückkommen, musst Du wohl wägen. Es gilt, nicht von seiner Grundidee abzuweichen und das Konzept seines Buches nicht verwässern zu lassen, aber gleichzeitig offen für notwendige Änderungen zu sein.

Klingt schwierig? Ist es auch. Die vielleicht beste Leitlinie, die ich dafür kenne, stammt von Neil Gaiman. Er sagt, es gebe zwei Arten von Kritikern. Die einen haben stets sehr konkrete Einwände und können Dir genau sagen, was mit einer Szene oder Figur nicht stimmt und wie Du es stattdessen schreiben musst. Die zweite Art von Kritikern kann Dir lediglich sagen, dass eine Stelle für sie nicht funktioniert, kann dies aber nicht konkretisieren.

Die zweite Form der Kritik ist fast immer berechtigt. Die erste hingegen fast immer für die Tonne.

10. Mach nichts anderes.

Diese Regel gilt vor allem für jene, die professionell schreiben wollen. Ein Buch zu schreiben ist aufwendig und anstrengend. Es dauert mehrere Monate. Deshalb ist es absolut unabdingbar, dass Du Dich jeden Tag mit Deinem Buch beschäftigst. Ebenso unabdingbar ist es, dass Du Dir dafür eine Routine schaffst.

Willst Du ein Buch schreiben, ist die tägliche Schreibarbeit das Wichtigste. Alles andere ist nebensächlich. Du solltest also einen Zeitpunkt festlegen, zu dem Du schreibst. Während dieser Zeit gehst Du nicht ans Telefon, chattest nicht, machst auch keine Emails.

Der Zeitpunkt sollte jeden Tag derselbe sein. Wenn Du weißt, wann Du Deine Schreibarbeit zu erledigen hast, musst Du nicht darüber nachdenken, ob Du gerade inspiriert bist oder nicht. Du musst nicht darüber nachdenken, was heute sonst noch alles zu tun ist. Du schreibst einfach.

Mache das einige Tage, und alles geht wie von selbst. Oder wie der katalanische Schriftsteller Carlos Ruiz Zafón es ausdrückt: „Routine ist die Dienstmagd der Inspiration“.

Die Schreibroutine ist der vielleicht wichtigste Erfolgsfaktor. Wie bei allem gilt auch bei Büchern, dass das Kurzfristige der Feind des Langfristigen ist. Du solltest Dich jeden Tag als erstes auf die Sache stürzen sollte, die am wichtigsten ist. Und das Wichtigste ist nicht, über Dein Buch zu twittern oder den Feuilleton durchzuarbeiten, sondern Deine Schreibarbeit.

Natürlich wird diese Vorgehensweise auch Probleme mit sich bringen. „Fokussieren heißt ‚Nein‘ sagen“, wie Steve Jobs angemerkt hat. Wenn Du also „Ja“ zum Schreiben sagst, musst Du zu vielen anderen Dingen „Nein“ sagen. Je mehr Du Dich aufs Schreiben konzentrierst, umso mehr andere Sachen werden sich um Dich herum auftürmen – ungelesene Emails, Lesungsanfragen, Pfandflaschen. Die Welt dreht sich ja weiter, während Du schreibst. Lass Dich davon nicht stressen. Schreib einfach weiter.



19 Kommentare

  • kdm sagt:

    Tipps für’s Schreiben stehen doch seit Jahrzehnten in zig Leitfäden für Journalisten, Schriftsteller, Interessierte.

    Wobei sowas (= „Während dieser Zeit gehst Du nicht ans Telefon, chattest nicht, machst auch keine Emails“) doch nicht extra erklärt werden muss; das ist in jedem Beruf, bei jeder ernsthaften Tätigkeit so.

    Oder sind die „Tipps“ für twitternde Analphabeten gedacht?
    Es scheint so. Denn: „Wichtig ist … dass sie zärtlich mit Deinen Zeilen umgeht.“

    Himmelhilf.


  • Barbara Heeb sagt:

    Lieber Tom,
    vielen Dank für deine wertvollen Tipps. Besonders Punkt 10 hat mir wieder einmal gezeigt, wohin es gehen muss. Mein Schreiben ist bisher noch ein ständiger Kampf gegen den Alltagswahnsinn. Sehr erfrischend geschrieben, und tröstlich auch. Jetzt habe ich einen Leitfaden, an dem ich mich festhalten kann. Merci! 🙂
    Barbara


  • Kilian Skoy sagt:

    Ein schöner Artikel, und, wie ich finde, sehr gut übertragbar auf nahezu alle anderen kreativen Berufe.

    vielen Dank dafür!


  • SG sagt:

    Genau so ist es. Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Bei einem Sachbuch ist es gar nicht so viel anders; die meisten Punkte lassen sich übertragen.



  • hallo,

    neues blog design? glückwunsch 🙂
    die alten links laufen leider ins leere. die neuen (?p=3778 etc) sind nicht mehr ’sprechend‘.


  • Recke sagt:

    Na, dass nenne ich mal ne sehr gute, knackige Anleitung. Danke, Tom. Ich bin seit vielen Jahren dabei, immer wieder kommt der Alltag und anderer Kram dazwischen. Prioritäten setzen, sich nicht ablenken lassen, stimmt alles. Man muss sich nur daran halten. Alles gut, verständlich und präzise auf den Punkt gebracht.


  • diver sagt:

    Danke für diesen tollen Artikel.



  • Wo kann man das hier unterschreiben?

    Super auf den Punkt gebracht! Taugt auch als „stets vor Augen Checkliste“ für Schreiberlinge wie mich, die sich dabei ertappen, an Kleinigkeiten herumzupusseln anstatt sich einfach hinzusetzen und weiterzuschreiben. Auch wenn diese Website auch mal gebaut gehört …


  • Sibylle Luise Binder sagt:

    Einverstanden, bis aufs Plotten. Ich plotte komplett und sehr akkurat und halte mich dran. Ich finde das vor allem bei Krimis – bei mir ist Belletristik meist Krimi – sehr wichtig. Ich hasse es nämlich, wenn da nachher jede Menge lose Enden rumhängen oder ich das Gefühl habe, dass der Autor die „irgendwie“ zugestopft hat.

    Außerdem bin ich ein absoluter Top-Bottom-Schreiber. Ich fange wirklich beim Titel an und höre beim Wort „Ende“ auf. Ich habe aber als Redakteurin und Lektorin gelernt, dass das nicht unbedingt die allein seligmachende Art ist. Ich hatte mal einen Volontär, der – und er schreibt inzwischen auch Belletristik und sagt mir, dass er da genauso arbeitet – so eine Art „Patchworktechnik“ hatte. Der schrieb irgendeinen Absatz mittendrin und dann einen anderen und dann noch einen und irgendwie hat er dann am Ende das Ganze zusammengehäkelt und es kam eine gute Geschichte heraus. Daher wäre mein Rat eher: Sucht Euren persönlichen Arbeitsstil.


  • Jan Weiler sagt:

    Hallo Tom Hillenbrand,
    interessante Gedanken. Der eine ganz oben im ersten Punkt stammt allerdings nicht von Stephen King. Sondern von Chuck Close. Im Original lautet er: “Inspiration is for amateurs. The rest of us just show up and get to work.“
    Und er geht noch weiter: „If you wait around for the clouds to part and a bolt of lightening to strike you in the brain, you are not going to make an awful lot of work. All the best ideas come out of the process; they come out of the work itself.” In dem Sinne frohes Schaffen, viele Grüße JW


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