Armer Autor, Du hast echt keine Freunde

23. November 2015 35 Kommentare

Credit: Thomas Wydra https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ink_laser.jpg

Neulich, am 12. November 2015, ist was ganz Tolles passiert. Der Europäische Gerichtshof hat ein Urteil zur Urheberpauschale gefällt, das sehr autorenfreundlich ist. Es legt nahe, dass die derzeitige Ausschüttungspraxis der VG Wort seit beinahe fünfzehn Jahren rechtswidrig ist – und die Verwertungsgesellschaft uns Autoren gemeinsam mit den Verlagen in ganz großem Stil über den Tisch gezogen hat.

Pauschale? VG? Falls Ihr jetzt nur noch Bahnhof versteht – keine Sorge, ich erkläre es gleich (in hoffentlich verständlicher Form). Also lest weiter, denn es geht um RICHTIG VIEL GELD.

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Folgendermaßen: Wer einen Text verfasst, ist dessen Urheber. Auch wenn man den Text (Nutzungsrechte) an einen Verlag (Verwerter) weiterverdealt, besitzt man immer noch die Urheberrechte. Die sind unveräußerlich. Und wenn jetzt jemand eine Kopie des Textes anfertigt oder ihn in eine Leihbibliothek stellt, steht dem Urheber Kohle zu. Dafür gibt es Pauschalen, die an die VG Wort (und andere Verwertungsgesellschaften) entrichtet werden. Ist ein bisschen wie eine GEMA für Texte. Die VGs schütten das Geld dann an Autoren und Verlage aus.

Die VG Wort war jedoch vermutlich mindestens seit 2001 gar nicht berechtigt, den Verwertern/Verlagen etwas von dem Geld aus der Pauschale abzugeben. Denn in der EU-Richtlinie, die all das regelt, werden die Verlage als Nutznießer gar nicht genannt. Gehörte alles uns.

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Jahrelang hat das auf Seiten der Autoren kein Schwein gemerkt. Dem Münchner Juristen Martin Vogel, dem wir alle zu Dank verpflichtet sein sollten, fiel es jedoch auf. Er prozessiert seit vielen Jahren gegen die VG Wort, damit diese ihre mutmaßlich rechtswidrige Praxis endlich beendet. Vogel hat bereits vor mehreren Gerichten gewonnen. Jetzt liegt sein Fall beim Bundesgerichtshof, der seine Entscheidung jedoch aufgeschoben hatte, weil er das oben bereits erwähnte EuGH-Urteil abwarten wollte.

Aber demnächst wird Karlsruhe wohl entscheiden, mit recht hoher Wahrscheinlichkeit zu unseren Gunsten.

Wer sich jetzt freut, sein alljährlicher VG-Wort-Scheck werde demnächst doppelt so hoch ausfallen, freut sich allerdings möglicherweise zu früh. Denn die Lobbyisten der Verwerter arbeiten bereits hart daran, das Geschehene ungeschehen zu machen. Sie wollen die fraglichen Gesetze so ändern, dass Verleger künftig an den Einnahmen der VG Wort (wir reden hier von ungefähr 100 Millionen Euro pro Jahr) beteiligt werden können. Die Verleger betreiben dies mit großer Verve. Nichts scheint ihnen garstiger zu sein, als die Vorstellung, dass Autoren für ihr Werk irgendwo Geld bekommen, ohne dass sie dabei die Hand aufhalten dürfen.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob die Verleger mit dieser Nummer nicht durchkämen. Das Bundeskabinett hat einen Tag vor der EuGH-Entscheidung einen neuen Entwurf für den Rechtsrahmen von Verwertungsgesellschaften beschlossen. In diesem findet sich kein Passus, der den Verlegern zu ihrem unserem Geld verhilft. Aus Berliner Regierungskreisen ist zu hören, dass die Lobbyisten der Verlage im Rahmen der Beratungen über den Gesetzentwurf zwar darauf drangen, etwas zu ihren Gunsten in den Gesetzestext hineinzuschreiben; sie sind damit aber gescheitert. Die Regierung möchte nämlich dem BGH-Entscheid nicht vorgreifen. Im Kommentar zu dem Entwurf heißt es:

„Zu § 5 (Rechtsinhaber): Absatz 1 übernimmt sprachlich gestrafft die Definition aus Artikel 3 Buchstabe c der VG-Richtlinie. Absatz 2 schließt entsprechend der VG-Richtlinie Verwertungsgesellschaften aus dem Kreis der Rechtsinhaber aus. Die derzeit beim Bundesgerichtshof und dem Gerichtshof der Europäischen Union anhängige Frage, ob Verleger als Rechtsinhaber an den Einnahmen der Verwertungsgesellschaft aus den Rechten zu beteiligen sind, bleibt unberührt.“

Das Gesetz muss noch durchs Parlament, aber die Chancen der Verleger stehen schlecht. Ihnen in einem nationalen Gesetz, das eine EU-Richtline umsetzt, Einahmen aus der Pauschale zuzusprechen, wäre vermutlich europarechtswidrig. Damit die Verleger doch noch zu ihrem unserem Geld kommen, müssen sie also weiter oben ansetzen: in Brüssel. Die Kommission frickelt gerade an einer Reform des Urheberrechts. Und der Börsenverein fordert bereits:

„Die EU-Kommission .. hat jetzt die Pflicht, das zügig zu korrigieren, damit es bei der angemessenen und bewährten Aufteilungspraxis bleiben kann.“

Was also passieren wird, ist folgendes: Alle möglichen Verbandsvertreter werden der Europäischen Kommission und dem Europäischen Parlament in den kommenden Monaten auf die Nerven gehen und versuchen, sie dazu zu bewegen, den Verlegern einen Anteil am Kuchen der Urheberpauschalen einzuräumen – oder daran, genau das zu verhindern.

Verleger besitzen eine mächtige Lobby, aber vielleicht haben wir ja auch eine? Es gibt schließlich Gewerkschaften und Journalistenverbände. Die kämpfen für unsere Interessen und werden zu verhindern wissen, dass unsere historische Chance verstreicht, dieses wichtige finanzielle Zubrot zu verdoppeln.

Das werden sie ganz sicher, oder?

Um es kurz zu machen: Nein, das werden sie nicht.

Der Deutsche Journalisten Verband (DJV) sagt auf Anfrage:

„Uns ist in dem Zusammenhang wichtig, dass die Urheber keine Einbußen erleiden. Mit der bisherigen Praxis in Deutschland sind die Urheber nach unserer Meinung gut gefahren.“

Das entspricht 1:1 der Position der Verleger – alles soll bitteschön bleiben, wie es ist, Autoren sollen keinen Cent zusätzlich bekommen. Auf Nachfrage, warum eine Gewerkschaft, die Zehntausende Autoren vertritt, die Position der Verleger einnimmt, schreibt der DJV:

„Wenn die Verleger keine Ausschüttungen mehr erzielen würden, ist zu befürchten, dass sie die Ausfälle bei den Urhebern kompensieren würden. Deshalb sagen wir, dass wir mit der bisherigen Praxis zufrieden sind.“

Das ist kein hartes Verhandeln für die eigenen Mitglieder. Das ist Selbstmord aus Angst vor dem Tod.

Die zu Verdi gehörende Deutsche Journalisten Union (DJU) hat zu dem EuGH-Urteil einen Kommentar veröffentlicht, der sich um die VG-Wort-Frage elegant herumdrückt. Dem Portal iRights sagte die DJU-Vorsitzende Cornelia Haß jedoch, die DJU sei

„eher nicht der Auffassung, dass sich an diesen Schlüsseln (Anm.: zur Verteilung der Pauschale) signifikant etwas ändern sollte.“

Auch die DJU vertritt damit quasi die Position der Verleger.

Der ebenfalls zu Verdi gehörende Schriftstellerverband VS reagierte nicht auf eine Bitte um Stellungnahme. Der VS ist allerdings in der Vergangenheit noch nie mit irgendeiner Aussage aufgefallen, die nahelegt, der Verband kämpfe in der Causa VG Wort für uns.

Lediglich der kleine Freischreiber-Verband erklärt, man unterstütze Vogels Klage und lehne einen Verlegeranteil ab

Puh. Das muss man sich mal reinziehen. Die oben genannten Autorenverbände nennen ihre Positionen vermutlich „Erhalt der bewährten Zusammenarbeit zwischen Autoren und Verlegern“ oder „besonnenen Interessenausgleich“. Ich hingegen finde, sie grenzen an Verrat.

Ja, Verrat. Mir fällt kein anderes Wort dafür ein. Unsere eigenen Verbandsvertreter verkaufen uns an die Verlage. Sie geben vor, unsere Interessen zu schützen, aber helfen stattdessen unseren Arbeitgebern, uns weiterhin zu übervorteilen. Verrat nennt man so etwas.

Jetzt seid Ihr dran. Schreibt diesen Gewerkschafterdarstellern Mails, dichtet Schmähverse, lasst Euch etwas einfallen. Denn das dürfen wir denen ja wohl nicht durchgehen lassen, oder? Wie Ihr selbst etwas tun könnt, erfahrt Ihr hier.

Siehe zum Thema auch: „Euer Geld muss unseres bleiben“



35 Kommentare

  • Erich Blaich sagt:

    Der Urheber bzw. der Autor eines Textes oder Fotos muss an 1. Stelle aller Rechte stehen, d. h. die Rechte der Verlage sekundärer Natur sein. Es muss endlich Schluss sein mit der schamlosen Ausbeutung der Autoren. Ebenso: Weg mit der Druckkostenvorauszahlung durch den Autor!


  • Erich Blaich sagt:

    Der Urheber bzw. der Autor eines Textes oder Fotos muss an 1. Stelle aller Rechte stehen, d. h. die Rechte der Verlage müssen stets sekundärer Natur sein. Es muss endlich Schluss sein mit der schamlosen Ausbeutung der Autoren. Ebenso: Weg mit der Druckkostenvorauszahlung durch den Autor!


  • Kai Mertens sagt:

    Sehr passend, wie Sie Ihren Beitrag mit geklauten Bildern/Videos illustrieren.


    • Franz sagt:

      Wollte auch gerade fragen ob die Urheber der Gifs hier wohl auch entschädigt werden? Naja, aus dem eigenen Haus sieht man halt immer so schlecht wie es bei den Nachbarn aussieht.


  • vera sagt:

    Solange „die Politik“ Verleger für die besseren Urheber hält …


  • Tatjana Pokorny sagt:

    Erstens: Danke für diese endlich einmal sehr gut verständliche und nachvollziehbare Aufklärung! Zweitens: Sind wir nicht ohnehin schon lange über den Tisch gezogen (siehe die ganz normal gewordene Mehrfachnutzung unserer Werke, die innerhalb eines Verlages nur einmal bezahlt werden, aber für die Verlage in verschiedenen Publikationen Mehrwert und damit Anzeigenumfeld und Einkunftsmöglichkeiten schaffen)? Drittens: Wenn es denn „URHEBERpauschale heißt“, wieso sollten dann NICHT-Urheber partizipieren?


  • Udo Wollenhaupt sagt:

    Die Druckkostenvorauszahlung ist das größte Hindernis für Autoren ein Buch veröffentlichen zu wollen. Also vorzugsweise weg damit.


  • Ernst Probst sagt:

    Als Autor bzw. Autorin erhält man bestenfalls 10 Prozent vom Ladenpreis eines Buches. Ein Buchhändler verdient an jedem verkauften Buch 35 Prozent. Was ein Verlag an einem verkauften Buch verdient, weiß ich leider nicht. Es wird Zeit, dass die Urheber bzw. Urheberinnen wenigstens bei der VG Wort fair behandelt werden.


  • Robert sagt:

    Danke für diese gut verständliche Erklärung! Dass die Verleger um jeden Cent kämpfen ist nachvollziehbar (wenn auch mehr als dreist angesichts der lächerlichen Honorare, die sie den Autor/inn/en bezahlen). Dass dju und DJV für die Verleger Partei ergreifen, erschreckt mich. Leute, geht zu den Freischreibern!


  • Berthold sagt:

    Schöne Gewerkschaft habt Ihr da 😉 Hier, wie überall sonst in der Wirtschaft wird aufgrund der Formulierung missverstanden wer die Leistung erbringt (Autoren) und wer sie verwaltet (Verlage). Dass es ohne Autoren, die ohnehin schon unter genug Druck zu kämpfen haben, keine Verlage gibt ist wohl manchem nicht bewusst. Und jetzt kommts: Autoren ohne Verlage geht prima, siehe Blogs wie diesen.

    Und wer auf Druckkostenvorauszahlung reinfällt weiss nicht mal was ein Verlag überhaupt ist.


  • A.M. Wagner sagt:

    Entgegen dem Anschein ist das Urteil des EuGH nicht autorenfreundlich, sondern vor allem industriefreundlich. Mehr dazu ist hier nachzulesen: http://goo.gl/x3PbBb Bisher machen Urheber und Verlage ihre Ansprüche gegenüber Dritten gemeinsam geltend, das gilt gerade im Hinblick auf die Gerätevergütung. Die Power der VG Wort oder anderer Verwertungsgesellschaften speist sich auch aus dieser Allianz. Das heißt aber keineswegs, dass der DJV die Position der Verleger übernimmt. Auseinandersetzungen, die der DJV für seine Mitglieder mit Verlagen über vertragsrechtliche Fragen führt, sind davon ebenso wenig berührt wie die Arbeit in Verwertungsgesellschaften selbst oder Verhandlungen über gemeinsame Vergütungsregeln oder Tarifverträge. Der DJV lässt seine Mitglieder im Hinblick auf die Durchsetzung ihrer urheberrechtlichen Ansprüche sicherlich nicht im Regen stehen.


  • Dieter sagt:

    Ich bin Buchautor und sehe die Situation nicht so einseitig: Wenn eine wie hier genannte zusätzliche Vermarktung (Kopien, Leihbibliotheken…) zu weiteren Erlösen führt, so doch nicht ausschließlich aufgrund der Autorentätigkeit, sondern auch aufgrund der Optimierung (Lektorat…), Herstellung (Layout, Druck…) und Bewerbung/Vermarktung durch den Verlag. Eine faire Gewinnaufteilung halte ich daher nur für richtig. Ich spreche von „richtigen“ Verlagen, also jenen, die in komplette finanzielle Vorleistung gehen, natürlich nicht von den unsäglichen sog. „Druckkostenzuschussverlagen“. Wer sich auf solche einlässt, ist selbst schuld.



  • Wir werden aus lauter Ärger über Gewerkschaften und Verleger diesen Artikel unter die Leute bringen. Angehende Autoren, die unserem Magazin bekannt sind, haben wir gerade informiert und den Link dazu gelegt. Wir sind sehr dankbar, dass eine Bloggerseite, die ansonsten gerne von etablierten Medien müde belächelt werden, sich der Sache angenommen haben. DANKE.


  • vera sagt:

    Warum wurde mein Kommentar gelöscht? Er war weder beleidigend noch sonstwie unanständig.



  • Boa, da wird sowas verhandelt und ich, als Autorin, bekomme das gar nicht richtig mit… Wo finde ich die Adressen zum Nerven?


  • Tom sagt:

    Verwertungsgesellschaft WORT (VG WORT)
    Rechtsfähiger Verein kraft Verleihung
    Untere Weidenstraße 5
    81543 München

    Telefon: +49 (0) 89 / 514 12-0
    Telefax: +49 (0) 89 / 514 12-58
    E-Mail: vgw[at]vgwort.de

    —–

    Kajo Döhring
    Hauptgeschäftsführer
    Deutscher Journalisten-Verband e. V.
    Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

    Charlottenstr. 17
    10117 Berlin
    Tel.: +49 (0)30/72 62 79 20
    Fax: +49 (0)30/726 27 92 13

    Amtsgericht Charlottenburg, Berlin; Vereinsregister-Nr. VR 23306
    djv@djv.de

    —–

    Und die Aufsichtsbehörde der VG Wort

    Deutsches Patent- und Markenamt
    Zweibrückenstr. 12
    80331 München
    Telefon: +49 89 2195-0
    Telefax: +49 89 2195-2221
    E-Mail: info@dpma.de


  • kdm sagt:

    Nun, man solte nicht unterschlagen, dass der Verleger den Autoren-Text an die Öffentlichkeit brachte.
    Wenn dieser Text nun weiterverwurstet wird und damit Geld einbringt, sollte auch derjenige, der den Apparat bereitsstellte, den Aufwand (Vertrieb, reklame, Bürokratie) betrieb, und vor allem: der die Kosten dieser ersten Veröffentlichung trug…
    …der sollte auch an den weiteren Einnahmen beteiligt werden. Denn ohne ihn, den Buch- oder Zeitungsverleger, würde der Autor auf seinen Texten doch sitzen bleiben. Ja, es gäbe ihn gar nicht. Ausnahmen bestätigen die Regel.


    • Tom sagt:

      Da bringst Du jetzt aber zwei Sachen durcheinander, und zwar Nutzungsrechte und Urheberrechte. Wenn ich einem einen Verlag einen Text gebe und ihm das Recht einräume, diesen, wie du sagst, an die Öffentlichkeit zu bringen, dann erhält der Verlag alle Erlöse, die mit dem Text erwirtschaftet werden, abzüglich einer prozentualen Tantieme, die an den Autor gezahlt wird (i.d.R. pro Buch)

      Der Verlag wird also für seine Mühe entschädigt. Gerade bei Sachbüchern kassiert er vom Auto häufig zudem noch einen Druckkostenzuschuss.

      Das sind die Nutzungsrechte. Bei den Urheberrechten ist es so, dass diese unveräußerlich sind und nur dem Autor gehören. Das Oberlandesgericht München hat geurteilt, das es theoretisch schon möglich ist, dass der Autor dem Verlag einen Anteil an den Pauschalen aus den Urheberrechten einräumt. Solch einen Vertrag könnte man theoretisch schließen, mir ist allerdings kein einziger Fall bekannt, wo so etwas passiert wäre.


  • Micha sagt:

    @Kai Mertens
    Wow, sind Sie so dumm (oder Verleger), dass Sie das mit den eingebetteten Links nicht kapieren?

    Und wieso haben sich die Autoren eigentlich all die Jahre so abzocken lassen?


  • Matthias Ulmer sagt:

    Lieber Herr Hillenbrand, das ist eine emotionale, leider aber in der Sache nicht richtige Darstellung. Die Schrankenregelungen des Urheberrechts greifen in die Urheberrechte, Verwertungsrechte, Vervielfältigungsrechte und das Recht zur öff. Verfügbarmachung ein. Auch wenn das Gesetz kein originäres Verlegerrecht (Leistungsschutzrecht) kennt, so ist es seit Generationen unbestritten und Rechtsprechung des Verfassungsgerichts, dass die Eigentumsrechte des Verlegers aus dem Verlagsvertrag abgeleitet sind.
    Die Urheberrechtsschranken greifen entsprechend nicht nur in die Rechte des Autors, sondern auch in die Rechte des Verlegers ein. Beider Rechte sind im Grundgesetz als Grundrecht garantiert. Eine Enteignung durch Urheberrechtsschranke (Privatkopie, Bibliotheksschranke, Semesterapparat, Digitaler Leseplatz etc.) ist nur solange verfassungsgemäß, wie die Enteigneten (Autor und Verleger) dafür angemessen entschädigt werden. Die Entschädigung erfolgt über die Verwertungsgesellschaften.
    Die Formulierung der Europäischen Richtlinie enthält einen Formulierungsfehler (sogenannte planwidrige Regelungslücke), die zur jetzigen Situation führt. Die Bundesregierung hat im Bundestag nach einer Anfrage der Grünen bestätigt, dass sie die Beteiligung der Verlage neben den Autoren als absolut notwendig erachtet. Der Gesetzesentwurf von Justizminister Maaß für ein neues Verwertungsgesellschaftsrecht enthält mehrfach den expliziten Hinweis auf die Beteiligung der Verlage. Die Stellungnahmen der Autorenverbände unterstreichen die Bedeutung der Beteiligung der Verlage. Die europäische Kommission betont das gleichermaßen und bemüht sich jetzt, in der anstehenden Neuformulierung der relevanten Richtlinie die Regelungslücke zu schließen.
    Sollte das nicht gelingen, dann würden wegen der Verfassungswidrigkeit einer entschädigungslosen Enteignung vermutlich die Privatkopieschranke, Bibliotheksschranke etc. entfallen und damit AUCH FÜR DIE AUTOREN keine Ausschüttungen aus der VG Wort mehr entstehen.
    Eine Durchsetzung ihrer Interessen erreichen Autoren und Verlage aus Erfahrung immer nur miteinander, nie gegeneinander.


    • Tom sagt:

      Lieber Herr Ulmer,

      die Rechtslage ist nun ja aber einmal so, wie sie ist. Und dann als ultima ratio (und hier muss ich leider schon wieder etwas polemisch werden), das Argument hervorzukramen, das Gesetz intendiere gar nicht das, was drin stehe, sondern etwas anderes – das ist schon ein bisschen schofel. Es ist ja Ihr gutes Recht, auf eine Änderung hinzuwirken. Aber bei einer Gesetzeslage, die den Verlegerinteressen entgegensteht, nach drei mit Ach und Krach verlorenen Verfahren von Formulierungsfehlern zu sprechen, wirkt hilflos.

      Mein Eindruck ist, dass der Entwurf der BuReg an der für die Verwerter wichtigen Stelle eben gerade keine Nennung der Verleger beinhaltet, weil Maaß weiß, dass er bei der geltenden Rechtslage darüber nicht entscheiden kann. Mir wurde vom Ministerium gesagt, man habe das extra noch einmal in den Kommentar geschrieben, weil die Verleger aus dem Gesetzentwurf schon wieder etwas abzuleiten versucht hätten, was dieser absolut nicht hergibt.

      Als streitbarer Mensch muss ich in diesem Fall außerdem sagen: Ja, Autoren und Verlage sind Partner – Geschäftspartner. Und Geschäftspartner dürfen sich auch mal streiten. Wir streiten uns über Texte, über Verträge, über Cover, über alles mögliche. Und natürlich dürfen und müssen wir uns auch über diese wichtige Frage streiten.

      Das ist aus Autorensicht gerade deshalb notwendig, weil unsere Vertragspartner uns in dieser Frage die letzten 15 Jahre lang übervorteilt haben. Es mag ja sein, das ein Kommissionsreferent vor 17 1/2 Jahren dieses Gesetz anders hätte formulieren können/sollen/müssen. Aber nach geltender Rechtslage standen diese insgesamt fast 500 Millionen € den Autoren zu und nicht den Verlagen.

      Und zumindest die größeren Verlage verfügen ja über exzellente Rechtsabteilungen. Es ist für mich deshalb schlichtweg unvorstellbar, dass dem Gros der Verlage nicht bewusst war, dass sie das Geld möglicherweise nicht hätten nehmen dürfen. Dass dies über solange Zeit und trotz laufender Verfahren in gutem Glauben geschah – schwer zu glauben.

      Wenn meine Tantiemenabrechnung jedes Jahr 1000 Euro zu hoch wäre, riefe ich in der Verlagsbuchhaltung an. Aber gibt es irgendeinen Verlag, der in dieser VG-Sache seine Autoren oder deren Agenten angeschrieben hat, um die Frage zu klären, wem das Geld gehört – so wie es unter guten Geschäftspartnern üblich sein sollte? Mir fällt keiner ein.

      Und vor diesem unerfreulichen Hintergrund müssen wir uns in diesem Fall eben einmal zünftig streiten. Mit Konsenskleister à la „Wir sitzen alle im selben Boot“ und „Wir wollen nur Euer Bestes“ kommen wir nicht weiter. Ich befürchte ohnehin, dass ein Großteil der Autorenschaft den Verlegern nach dieser Geschichte nicht mehr so richtig glaubt. Der Vertrauensverlust ist riesig.

      Beste Grüße,
      Tom Hillenbrand



  • Was ist denn mit den kleinen Verlagen, die unbekannte Autoren sehr unterstützen, aber ohne die Einnahmen von VGWort gar nicht existieren könnten? Das war eine Win-Win-Situation. Pauschales Verurteilen ist sehr kurzsichtig.


    • Tom sagt:

      Sicherlich schwierig. Aber es ist halt immer schlecht, sein Geschäftsmodell auf Einnahmen aufzubauen, die einem nicht gehören.


  • Schorsch sagt:

    Nun ja, bei all dem ist es natürlich müßig darauf zu verweisen,
    dass Zig-Zehntausende Urheber, die Tag um Tag Texte schreiben, noch nie einen einzigen Zehntelcent von irgendeiner VG gekriegt haben …..
    Weil deren Texte zwar über Kopierer laufen, aber sie eben nicht als Autoren betrachtet werden, sondern als schnödes Fußvolk der Wirtschaft.


  • Erich sagt:

    Mal eine einfache Frage: Wurden die Autoren gezwungen, diese Verträge mit den Verlagen einzugehen? Wenn nein: Was hinderte sie daran, sich zusammenzutun und einen eigenen Verlag etc. zu gründen?

    Mir ist es übrigens egal, ich bin weder Autor noch Speckmade.


  • Hans sagt:

    @Erich

    Welche Verträge meinen Sie? In keinem dieser Verträge steht geschrieben, daß sie einen Verzicht der VG-Wort-Bezüge beinhalten und wenn, dann wäre das ohnehin anfechtbar.

    Es geht hier nicht um die Verträge, die Autoren abgeschlossen haben, sondern um Ausschüttungen, die jährlich erfolgen und nicht an die Berechtigten weiter geführt wurden….und das seit mehr als 15 Jahren, wovon große Teile verjährt sind inzwischen, sprich verloren für die Urheber.

    Es geht um bilanztechnische Dinge wie Bildung von Rückstellungen und zwar seit 2012, die in der Unterlassung ggf. eine Insolvenzverschleppung darstellen können, wenn man den Szenarien einiger Verlage glauben darf.

    Es geht um die Tatsache, daß ein Verlag NICHTS wäre ohne Autoren, sie eine „Partnerschaft“ eingehen und sie schlicht um erhebliche Gelder bringen.

    Wenn die Basis eines erfolgreichen Verlags ist, die Gelder, die ihm nicht zusteht, zum Erhalt seines Betriebes verwenden zu müssen, dann ist seine Funktion, sein Kostenapparat, seine Kalkulation, sein komplettes Geschäftsmodell in Frage zu stellen. Eventuell bringt das auch eine Bereinigung, zum Beispiel, daß manche Übersetzer nicht mehr fürs Übersetzen bekommen, als der Autor für das Verfassen des Textes.


  • Bianka Leonhardt Illustration sagt:

    Ihr habt so Recht


  • Bianka Leonhardt Illustration sagt:

    Ja


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